„Man kriegt ja immer mal was…“, meinte mal ein Lungen-Prof zu mir. Daran muss ich immer denken, wenn mal wieder etwas aus heiterem Himmel fällt. Diesmal war es ne Hexe. Ganz hinterlistig sitzt sie seit Montag im Gebälk, wandert und sticht bei dieser und jener Bewegungen fest zu. Einfach gemein. Pferdebalsam, Ibu, Heizkissen und Bandage helfen nur bedingt. Also ablenken in kleinen Verrichtungen, denn Dauersitzen geht auch nicht. Und so stehe ich (ab und zu) seit gestern am Pult und falte die MINIATUREN zum neuen Produkt, da kommt doch zwischen den Stichen Freude auf…
MINIATUREN, 6. Titel in der Reihe: ELSNER-EDITION hier:
Der Stapel Inselbücher war immer gleich hoch. Wer eines dieser feinen Bändchen begehrte, musste dafür ein anderes mitbringen und es auf den Stapel legen. Inselbücher wurden hier ausschließlich getauscht und nicht verkauft. Eleonore Finger achtete akribisch darauf, dass keiner mogelte. Ihr Buchantiquariat war nicht mehr als ein mit Büchern beladenes Wohnzimmer einer lichtlosen Parterrewohnung. Das Einzige, was hier leuchtete, waren die wachen Blicke der dürren Frau mit dem kleinen Dutt. Ihr dunkles Kostüm hatte die Strenge eines Korsetts, aber ihre Schritte führten sie federleicht um den großen Tisch mit den getürmten Bücherstapeln herum. Die Regale an den Wänden waren zwar sorgsam sortiert, jedoch bedenklich gefüllt. Alles, was tragen konnte, wurde zum Platzhalter: Klavierhocker, Trittleiter, Teetischchen… Es roch nach Staub und altem Papier. Eleonore Finger wirkte wie die Hüterin eines heiligen Grals, und das war er wohl auch: ihr Bücherschatz. Im Grunde war es gar nicht ihr Schatz, sondern die Sammlung des verstorbenen Mannes, einst Professor für Germanistik. Wer hier einkehrte, wusste das und genoss das stille Entdecken und das schweigsame Blättern der Seiten. Manchmal stellte sie ungebeten einem Studenten einen feinen Grünen Tee hin, wenn sie sah, dass er mit dem Wachbleiben kämpfte. Dann deutete sie ihm auf den einzigen Stuhl im Raum und verschwand ein Weilchen hinter dem weinroten Samtvorhang, der ihre Wohnküche verbarg. An diesem Nachmittag durchbrachen zwei Reisende den Tanz der Stille. Die Beiden unterhielten sich raumgreifend, bis sie an den Tauschstapel kamen. „Inselbändchen, und so viele!“ Sie zählten ihre Barschaft und suchten nun nach Raritäten. Ganz aufgeregt kam der sammelnde Reisende mit einem Dutzend Bändchen auf Eleonore Finger zu und sie fragte ihn: „Haben Sie mir zwölf Inselbändchen mitgebracht?“ „Was meinen Sie?“ „Na, glauben Sie wirklich, der Stapel wäre noch vorhanden, wenn ich sie einfach verkaufen würde? Sie können alle anderen Bücher erwerben, diese werden getauscht.“ Sein Gesicht wurde blass vor Enttäuschung: „Ich bin doch nur auf der Durchreise.“ Sie nahm langsam die Bändchen aus seinen Händen und sprach ungerührt: „Nun, dann müssen Sie halt wiederkommen.“
Als es der Demütigungen genug war, rappelten sich einige jenseits der Elbe und besannen sich ihrer Talente. Manches taugte dazu ein kleines Unternehmen zu gründen oder zu Freiberuflichem. Sie waren reife Erwachsene ohne Handgeld, nur ihr Können hielt sie am Rande des großen Marktes. Irgendwo im Regionalen hantierte die verdrängte Elite des Ostens. Für anderthalb Jahrzehnte, dann begannen die Gewissheiten zu schwimmen. Die Grundfeste: die Sprache wurde aufgeladen für einen Kampf, der auf Zerstörung von Selbstverständlichkeiten zielte. Gepflogenheiten und hohe Feste wurden attackiert. Die einen fuhren Autos in die Menge, die anderen schrieben das literarische Erbe und die Geschichte um. Und weil man sich ihrer nicht erwehren konnte, wählten viele aus Notwehr zu guter Letzt rechtskonservativ, und die Zeit blieb nicht stehen. Sie tickte nur anders, und am Rande wurde es eng.
Ein lieblicher Morgen. Seidenweich die Luft, Stille über dem Grün. Der Mohn tanzt, die Spatzen tschilpen gedämpft. Der Efeu im Lesegarten verbirgt die Märchenplatten, seine Zeit ist vorbei. Ich ziehe Kleinigkeiten näher an das Haus heran und genieße das gerade sehr. Schönes Wochenende allerseits!
Atemschweres Wetter seit drei Tagen. Schwüle und Feuchte schlagen Pflöcke in meine Tageswege: Bis hierhin und nicht weiter. Es stehen überall Sitzmöglichkeiten, auf die ich mich fallen lassen kann und beim Verschnaufen darf ich die Mohnblüteninseln anschauen. Das Rot ist eine Freude fürs Herz. Ich habe mich dann lieber doch ins Haus zurückgezogen und helfe mit dem Abwaschen der Siebe und Honiggefäße. Der Imkergatte bereitet die erste Honigschleuder in 2026 vor. Wir sind gespannt. Im Atelier warten zwei neue Aufträge: ein Firmen-Logo und eine Landschaftsmalerei. Die Leinwand hat ein ungewöhnliches Format und musste bestellt erst werden. Diese Arbeiten werden in die kommenden Regenzeiten gelegt. Alles drängt nicht und deshalb habe ich sie auch angenommen. Auch mit dem Zeichnen meiner Weihnachtsgeister möchte ich ein bisschen vorankommen. Die Hälfte des Jahres ist ja schon bald rum…
Man sieht sie an Brücken, auf Türmen oder Sockeln in Bronze gegossen. Erhaben und stark. Die Stadtengel aus Fleisch und Blut hingegen sind beinahe unsichtbar. Vielleicht entdeckt man einen in der blauen Stunde eines späten Tages, das aber ist selten. Robert war weder kampfstark wie Erzengel Michael noch so ein prächtiger Heiler wie Raphael. Er war nur ein leiser Bote des Herzensguten. Nicht zu verwechseln mit einem Gutmenschen. Er hatte dafür zu sorgen, dass das Herz gehört wird und echt klingt. Aber manchmal empfand der Engel seine Rolle zwischen verwahrlosten Stadtsteinen als uferlos. Dann trugen seine Flügel schwer an dieser Last, und so war es nicht verwunderlich, dass er zuweilen eine Kneipe aufsuchte, um sich die Schwere leicht zu trinken. Dabei murmelte er kaum hörbar ins Glas „diese Rolle ist zu schwer für mich“. Jemand hörte ihn doch. Sein massiger Leib nahm die Stimmung des Engels auf. George Meister kannte sich aus mit den energetischen Schwingungen der geistigen Welt. Er beruhigte Schauspieler in den Garderoben vor ihren Auftritten. Das konnte er wirklich gut. Er nahm seinen Rotweinschoppen und setzte sich zu dem Erschöpften. Dann malte er in seine Hand ein paar geheime Zeichen und hielt sie schwebend über Roberts Haupt. Dessen Haare stellten sich auf und vibrierten. Verwundert fragte er „Was machst du?“ „Ich gebe dir neue Kraft!“ Die Hand des Meisters begann zu zittern und er zog sie erstaunt zurück. Robert raunte: „Du wirst doch nicht einem göttlichen Boten mit deinem irdischen Hokuspokus kommen?“ Der Engel ratschte mit seinem Stuhl vom Tisch, sprang auf, schüttelte sich und es schien, dass er all die Schwere augenblicklich verlor. Es war seine innere Kraft, die aufleuchtete, um den Moment der Schwäche hinfort zu fegen. Dann schritt er hinaus in die blaue Stunde und verwebte sich mit dem Klang der Herzen auf alle Zeit.
Es ist Draußenzeit und doch werde ich immer wieder gebeten, mein Fotoarchiv zu durchsuchen. Eines meiner Fotos auf Facebook brachte die Sache vor zwei Wochen ins Rollen. Mein Sohn rief an und fragte, ob ich noch mehr von diesen alten Ansichten hätte, ein Freund wolle einen Fotokalender mit Stadtansichten von Zeuthen gestalten, ehrenamtlich. Da habe ich stundenlang gesucht und alte Bilder im Photoshop bearbeitet und dabei flogen die Gedanken weit weg… Der Freund war ganz außer sich vor Freude und hatte naturgemäß weitere Wünsche. Manche konnte ich erfüllen und wäre ich nicht Anfang der 90er gedrängt gewesen, von diesem Westgrundstück, auf dem ich 35 Jahre lebte, wegzuziehen, hätte ich niemals diese Aufnahmen geschossen… Sie sollten für mich Erinnerung sein. Ich glaube, niemand ist seinerzeit durch Zeuthen gewandert, um die abgetakelten Häuser zu fotografieren… Dieses Suchen und Finden gut 30 Jahre später hat wirklich Laune gemacht. Mich befiel dabei Sehnsucht nach den alten Lebenskreisen, den Freunden, den Nachtgesprächen, der Aufbruchstimmung 1989 – unwiederbringlich. Aber die Fotos gibt es noch… und aus dem Nachsinnen entstanden die MINIATUREN „Die Schreibmaschine“ und „Versehrte“.
Der S-Bahnhof Zeuthen 1990 – das anstiftende Foto auf FB.
Mein nächstes Künstlerheft in der Reihe ELSNER EDITION wächst langsam heran. Der sechste Titel MINIATUREN wird Kurzprosa & gestaltete Lyrik umfassen. Eigentlich sollte es ein Klausurthema werden und nun fließt es so nebenher. Nichts liegenlassen, wenn die Zeit tickt. Bei diesem herrlichen Sommerwetter sind wir natürlich mehr im wilden Garten, aber in der frühen Morgenstunde sind die kleinen Teile rasch geschrieben und die Lyrikblätter entstanden ja schon im letzten Winterhalbjahr, sie bekommen hier nur einen besonderen Platz. Der Imkergatte hat indes drei Schwärme gefangen, das wird wohl bis zur Sonnenwende so weitergehen. Da hat er mehr zu tun, als er ursprünglich wollte. Das Gartenjahr wird reicher, denn zum ersten Mal seit vielen Jahren, ist unsere Obstblüte mal nicht erfroren. Und nun steht ist Pfingsten im Kalender und das Wetter wird fabelhaft, also macht es Euch schön alle miteinander!
Das Gemeinschaftswerk GARTEN pendelt sich ein. Als ich sieben Tomatentöpfe bestückt hatte, platzierte der Liebste sie im Tomatenhäuschen. In das zweite Hochbeet schüttete er weitere vier Säcke Erde und lockerte das gepresste Material. Danach konnte ich pflanzen, was noch in Töpfen wartete. Gurken, Kohlrabi, Paprika. Zwischendurch ein Tosen in der Luft. Ein Bienenschwarm stieg auf und landete nicht wie die zwei Vorgänger dieser Tage in den Gärten der Nachbarschaft, sondern hoch oben in einer Kiefer am Waldrand. 18, 20 Meter hoch, da winkt der Imker ab. Wie es aussieht, entpuppt sich das Frühjahr als Schwarmjahr. Gestern hat er bei der Durchsicht der Beuten jede Menge Weiselzellen entdeckt und entfernt, was das Schwärmen verhindern soll. Nun denn. Das ruhigen Pflanzen gestern und heute füttert meine Seele und glättet die emotionale Krise der vergangenen Woche…
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