Morgenstunde (1146. Blog-Notat)

Nun, werktätige Menschen werden heute vielleicht enttäuscht in das Regengrau schauen, aber ich finde es schön, dass es endlich regnet. Als ich gestern ein paar Pflanzen setzte, staubte die Gartenerde, so trocken ist es schon wieder. Also gönne ich der Natur die paar Tropfen, die hier im Nord-Osten Brandenburgs noch ankommen. Der Imkergatte hat die letzten Tage seine Frühjahrsarbeit an den Bienen wieder aufgenommen. Zwischendurch schleppt er Weidenschnitt und staucht ihn in die Trockenhecken. Er hat auch begonnen den Gehölzschnitt zu verbrennen. Zwei Jahre hatte sich da was angesammelt, nicht nur wegen der vergangenen Lebensschwere. Es war einfach, wenn er Zeit hatte, zu trocken und der Wald zu nah… Aber dieser Tage lichten sich die wilden Ablagen. Ich bin ganz glücklich über seinen Einsatz, denn der Garten war ja vornehmlich meine Freizeitarbeit… das ändert sich – leider. Aber, wenn ich sehe, wie stolz er ist, mir das abzunehmen und wie froh es mich macht, dass er sich nicht genötigt fühlt, dann wird es leicht, die Dinge anzunehmen 😊. Ja.
Ich habe indes ein fettes Suppenhuhn zu rund 10 Litern Hühnersuppe verarbeitet. Das letzte vor der warmen Zeit. Der Froster ist voll 😊. In den Zwischenräumen baue ich weiter Künstler-Hefte und tüte ein. Als wir Donnerstag zum Beutezug der Woche starteten, sah ich, überall schön die Ostereierbäumchen leuchten, das hatte ich noch nicht auf dem Schirm, abends lachte auch unser Bäumchen mit seinen bunter Eiern. Es geht aufwärts im Jahr. Wünsche ein schönes Wochenende allerseits.

Morgenstunde (1145. Blog-Notat)

Wenn man Kunst produziert und schriftstellerisch tätig ist, muss man die Dinge in die Öffentlichkeit tragen oder man kann sich einen Agenten leisten 😊. Man sucht sich seinen Verlag und Ausstellungsplätze, stellt aus und gibt Lesungen. All das habe ich gut 35 Jahre lang gemacht und doch haben sich kaum Türen geöffnet. Die Sängerin und Musikproduzentin Annette Humpe sagte jüngst in einem Podcast: „Für den Erfolg muss man auch durchgewunken werden.“ Also reingelassen in die Szene, besprochen werden in den Medien. Das zum einen, zum anderen nannte Rowohlt-Herausgeber Paul Auster als ein Entscheidungskriterium für den Erfolg eines Schriftstellers in seinem Verlag: „Er muss vorzeigbar sein.“ Das hatte ich im Ohr, als ich entschied, keine Lesungen mehr zu geben. Das Atmen, Ihr wisst schon…  
Wenn Künstler chronisch erkranken und möglicherweise das Rausgehen in die Welt nur noch bedingt möglich ist, dann kann man aufgeben oder man muss sich andere Kommunikationswege suchen.
Künstlerisch Schaffen, das ist gewissermaßen mein Lebenselixier. Der Grund aufzustehen und der Wunsch, mich mit meinen Mitteln in unsere Lebenswirklichkeit einzubringen. Damit Letzteres möglich ist, musste ich mir für die Außenwirkung meiner Bücher und Bilder etwas anderes einfallen lassen: Zum Beispiel das „Öffentliche Schreiben“, die Lesekostproben, eigenes Marketing in den sozialen Netzwerken, Kombination von künstlerischen Genres wie Bildkunst & Lyrik (Gestaltete Lyrik) für virtuelle Präsentationen und nicht zuletzt diesen Blog selbst. Er ist mein Fenster zur Welt. Das Allerkleineste in dieser Reihe ist meine Atelierfensterwerbung als kleinen Hingucker für Spaziergänger. Gestern habe ich dafür den neunen Titel FLÜSTERTON dort in Szene gesetzt. Mal sehen, ob und was mir noch einfällt, denn noch ist das Ende offen…

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Flüsterton (1)
https://www.schorfheidewald.de/oeffentliches-schreiben-an-einer-geschichte/flusterton-1/
Flüsterton (2)
https://www.schorfheidewald.de/oeffentliches-schreiben-an-einer-geschichte/klausur-woche-iii-2/

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Morgenstunde (1144. Blog-Notat)

Die ersten sechs Künstler-Hefte sind gebunden und in Cellophan-Tüten gesichert. Nachmittags gehen sie auf den Postweg, es müssen noch Briefmarken in Zehdenick beschafft werden. Ich merke, ich bin auch beim Falten und Binden langsamer geworden, aber darauf kann ich mich einstimmen. Es ist das lange Stehen am Pult bei den Verrichtungen. Es braucht Sitzpausen, damit der Sauerstoffgehalt im Blut nicht so extrem absackt. Ein paar Minuten, dann ist er wieder im grünen Bereich.
Zuhause lässt sich das alles regeln, unterwegs – schwierig. Deshalb bin ich das auch kaum. Wie dem auch sei, ich finde, die Hefte sind gelungen, wäre schön, es käme ein Feedback 😊. Ich weiß, das ist eher selten.
Heute geht’s an die nächsten Teile, ich hab meine Freude daran. Darüber hinaus lenken mich das Bauen, auch das Schreiben gut von den Befindlichkeiten ab. Was gar nicht so leicht ist, wenn man schon vom Ankleiden am Morgen schwer außer Atem kommt. Der erste Stimmungskiller im Tag. Ich schleiche dann mit meinem Heißgetränk hinüber ins Atelier. Lese ein paar Nachrichten und fange dann langsam mit meinen Dingen an. Nichts mehr erzwingen, fließen lassen… Und immer wieder belese ich mich: was hilft den Fortgang der COPD IV zu entschleunigen? Beispielsweise keine Getränke mit Kohlensäure mehr trinken, denn die Gase können auf Zwerchfell und Lunge Druck ausüben. Instinktiv hatte ich das schon vor einigen Jahren gelassen, das Nachlesen brachte mir heute die Bestätigung… Man muss sich einfach für die Lebensführung mit dieser Krankheit sehr viel selbst erarbeiten, denn Ärzte haben bei den Terminen für solcherart Aufklärung wenig Zeit.

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Flüsterton (1)
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Flüsterton (2)
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MINIATUREN

Bettgeflüster

„Der Lack ist ab“, sagt die spindeldürre Frau Krause und hustet, als wollte sie einen Kohlenkeller mit Brocken füllen. Blass ist sie, aber voller Galgenhumor. Oma Schwertfeger liegt gegenüber wie hingerichtet auf dem Krankenhausbett und harrt erwartungsvoll auf ihre nächste Behandlung. Sie ist schon das fünfte Mal in diesem Jahr in dieser Klinik in Gransee, in der die Schwestern besonders nett sind. Oma Schwertfeger ist 93 Jahre alt und nach dem Umzug in das Dorf am Stechlinsee vereinsamt. Der Sohn hat sie vor fünf Jahren dorthin geholt. In die obere Etage seines Hauses. Am See war sie noch nie, sie ist schlecht zu Fuß. Mit jedem weiteren Tag in diesem Krankenzimmer blüht sie auf wie ein Alpenveilchen. Und erzählen kann sie! Aber noch beeindruckender ist ihr Schnarchen in der Nacht. Morgens legt sich Trude mit sechs gebrochenen Rippen in das Bett neben ihr. Sie schläft, als hätte sie seit Wochen keinen Schlaf gefunden. Das Handy surrt und der Alarm ihres Zuckermessgerätes schlägt an. Trude hört nichts, man muss sie wecken. Am Handy nervt der betrunkene Lebenspartner, stündlich ruft er an. Trudes Unfallgeschichte ist dünn, sie deckt jemanden. Nach zwei Tagen schickt man sie zurück ins Leben. Es ist schon nach 16 Uhr. Ich schaue mit der spindeldürren Frau Krause im Laptop „Drei Haselnüsse“ an. Trude steht hinter uns, man merkt, es gefällt ihr in dieser Stimmung. Eine Schwester bringt Pillen und seufzt: „Ach, Haselnüsse, wie schön.“ Trude steht immer noch. Den entlassenden Arztbrief bekam sie schon vor zwei Stunden. Nach dem Dämmern wird es dunkel im Zimmer, nur das Filmlicht flackert. Am Sonntag ist 1. Advent, ich werde wieder daheim sein und bin froh darüber. Trudes Handy surrt und Aschenbrödel reitet zum Ball. Die Tür schlägt auf, das Licht geht an, zwei Schwestern beziehen Trudes Bett neu, sie muss gehen. Wir halten den Film an und verabschieden sie. Eine Neue betritt das Zimmer. (pe)

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Flüsterton (1)
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ELSNER EDITION

Heute beginne ich voller Freude mit dem Drucken, Falten und Binden der Novelle FLÜSTERTON. Die 36 Seiten sind layoutet und so entsteht mein fünfter Titel in der nummerierten, handgefertigten Reihe ELSNER-EDITION.
Bestellbar ist er per Mail an elsner@schorfheidewald.de oder PN auf Facebook (bitte Adresse angeben), das Heft kostet 10 € zzgl. 1,80 € Versand.

Danksagungen
Wer uns und speziell meinen Imkergatten kennt, weiß, Ronjas Imkerwissen stammt von ihm. Er arbeitet seit mehr als 40 Jahren mit Bienen, ist fachlich gut belesen und hat mit mir sein Wissen und seine Art zu Imkern geteilt. Ich wollte über Ronja dieses spezielle Wissen populär verständlich machen, auch damit diese Arbeit und der Imkerhonig an sich mehr wertgeschätzt werden.
Meinem lieben Lutz gilt dafür und auch für seine Erstlese der Manuskriptseiten besonderer Dank.
Für das immer zeitnahe Korrekturlesen und einfühlsame Redigieren, das Meinung sagen, Aufbauen an schlechten Tagen und Ermutigen, danke ich meiner treuen Freundin Ines Wagenbreth.
Dank gilt auch meinen FB-Freunden, die mir geholfen haben, das Covermotiv auszuwählen. Euer Voten für eins von drei Motiven hat mir richtig Spaß gemacht. Da „sprachen“ sogar einige, die sonst nur schweigsam mitlesen. Vielen Dank dafür. Ich habe im Heft auch die zweit- und drittplatzierten Motive verarbeitet…

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Flüsterton (1)

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Morgenstunde (1143. Blog-Notat)

Immer noch Frost am frühen Morgen. Gestern habe ich im Teich einen Frosch entdeckt, der wohl in den Sonnenstunden das Erwachen probiert hat und dann wieder eingefror. Ich hoffe, er überlebt das. Da habe ich mir in den letzten Wochen was antrainiert: Halb acht aufstehen (sonst wird es gerne 10 Uhr) , mit einem Glas Tee vor den Computer schleichen und schreiben bis zum Mittag. Es ging mir gut damit und im Grunde könnte ich augenblicklich so weitermachen, aber das Leben ruft. Man wird es kaum glauben, wir sind noch beim Wegpacken des Weihnachtsschmucks. Gestern kam der letzte Lichterbogen aus dem Wohnküchenfenster dann. Wir lieben dieses schöne Winterlicht, drum darf es gerne bis Lichtmess stehen… ist auch lange vorbei. Aber Kinner nee, hat der Staub eingefangen. Die Figuren sind aus nicht so glattem Sperrholz gesägt und das hält gut fest. Das Abstauben habe ich lieber im Freien mit einem großen Pinsel besorgt. Wirklich mit Wolkenbildung 😊. Jetzt fehlt nur noch die Spieldose, die trällert in den letzten Tagen ziemlich oft „Stille Nacht“, die Feder muss vor dem Wegpacken die Spannung verlieren. Ja, Weihnachtsmenschen sind seltsam, ich weiß…

KLAUSUR-ENDE

Klausurtag 36 und die letzte Zeile zur Novelle „FLÜSTERTON“ ist geschrieben. Meinem Liebsten gefällt sie, das will was heißen. Er ist streng bei seiner Erstlese, was gut ist, aber diesmal hatte er nicht viel zu murren😊. Ich glaube es ist so eine Liaison von Herz und Tiefgang und hätte ich was zu sagen, ich würde einen Sonntagabendfilm daraus machen 😊. Für den Rücktitel fand ich diese Zusammenfassung:

Die beiden Mittvierziger Ronja Kiekebusch und Hannes Wagner begegnen sich in der Notaufnahme eines Krankenhauses, und es entspinnt sich eine leise Liebesgeschichte. Nicht konfliktfrei. Wie lebt es sich in den Ungewissheiten unserer Zeit auf dem flachen Lande? Ist Einsamkeit für Singles in diesem Alter zwangsläufig, wenn die Gesellschaft auseinanderfällt und es an Treffpunkten fehlt? Die Novelle „Flüsterton“ erzählt von diesen Lebensumständen in einem ruhigen Grundton.

Nun denn, ab Montag werde ich Künstler-Hefte bauen, derweil wünsche ich ein schönes Wochenende allerseits.

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Flüsterton (1)
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Morgenstunde (1142. Blog-Notat)

So sah der Kräuterhügel noch letztes Frühjahr aus…

„Herr, schick mir einen Gärtner!“, war gestern mein Wunschflehen, als ich die Hundert Meter vom Kräuterhügel schnaufend zum Haus ging. Der angeschaffte Unkrautjäter mit Stiel taugt für diese Flächen nicht. Der ist nur nützlich auf flachen Beeten, aber nicht für diesen kleinen Feldsteingarten. Heute beim Morgenkaffee meinte ich zum Liebsten, dass wir den Hügel, samt Wasserlauf und Kleinteich aufgebeben sollten. Er macht die meiste Bück-dich-Arbeit überhaupt im Garten und so schön, wie er mal aussah, wird es nicht mehr werden. Der Liebste nickte: Das habe er gestern auch schon gedacht. Mein Sohn fragte neulich, was er helfen könnte, das wird dann sein Projekt: Abtragen und Einebnen. Die Kräuter und Sedum-Pflanzen werde ich vorher entnehmen und in Töpfe geben. Die über Jahre zusammengetragenen Feldsteine werden am Rande einen Steinhügel bilden, da kann die Ringelnatter einziehen. Was solls, wenn man einen gestalteten Ort nicht erhalten kann, muss er weichen. Mich berühren solche Abschiede sehr. Die COPD in diesem Stadium fordert ihren Tribut.
Mein Tageskapitel ist heute bereits geschrieben, weil wir nachmittags nach Prenzlau wollen. In der Novelle Flüsterton geht es aufs Finale zu, vielleicht noch ein oder zwei Seiten, dann ist diese leise Geschichte auserzählt. Es werden etwa 40 Heftseiten sein. Bei diesem Umfang braucht es keine weiteren eigenständigen Geschichten, um das Format auszufüllen. Die bereits vorhandenen Miniaturen nehme ich in die nächste Winterklausur mit. So geht es manchmal, denn eigentlich hatte ich ja die Idee: Miniaturen und gestaltete Lyrik in dieser Klausur zu thematisieren. Stattdessen wuchs da eine Novelle. Nach der Endkorrektur kann ich die Broschüre layouten und es folgt meine Lieblingsarbeit😊: Drucken, falten und beschneiden. Die wundersame Vermehrung meiner Text- und Zeichenarbeit😊 zum Klausurende. Aber noch ist es nicht soweit…

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Flüsterton (1)
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Morgenstunde (1141. Blog-Notat)

Tag 30 der Schreibklausur und sieben Seiten weiter. Meine Freundin Ines, hat indes schubweise alles und in Windeseile Korrektur gelesen und ganz einfühlsam redegiert. Es ist ein Glück, sie an meiner Seite zu wissen und ich bin ihr sehr dankbar dafür. Wenn die Gesellschaft bröckelt, stehen wir oft ohnmächtig vor dem Scherbensalat und wissen nicht, was wir tun können. Es sind diese sehr individuellen Handlungen für einen Anderen, die es uns ermöglichen, aus dieser beklemmenden Stimmung herauszukommen. Gesellschaftlich aktiv zu sein, heißt nicht unbedingt, auf eine Demo zu eilen, es ist die Pflege der menschlichen Bindungen, die uns weiterhilft. Schritt um Schritt. So wächst wieder eine wackere Schicksalsgemeinschaft, die wir alle brauchen, um auf uns zu setzen und nicht nur trügerisch zu hoffen…
Mein öffentliches Schreiben an der Novelle „Flüsterton“ endet indes, denn es sollte schon noch Neugier auf das ebenfalls entstehende handgefertigte Künstlerheft geweckt sein. Ich hoffe, für 10 € plus Versandt, kann ich einige von Euch, wenn die Handproduktion abgeschlossen ist, interessieren. Das Feedback ist ja bisher recht übersichtlich, da weiß man nicht so recht…
Dieses Wochenende mache ich Schreibpause. Die milde Luft und das Sonnenlicht tun mir gut. Nur bei den versuchten Verrichtungen im Garten, merke ich: Zweimal Bücken, x-mal Schnaufen. Aber: Jede Bewegung bringt was, es muss nicht immer Blut und Schweiß heißen, es können auch sanfte Tai-Chi-Atemübungen sein 😊.
Weil aber das Bücken die Atmung abklemmt, habe ich mir gestern einen Unkrautjäter mit Stiel bestellt. Der verheißt, Unkrauten im Stehen ginge😊. Vielleicht ist es nur Tinnef, möglicherweise aber hilft mir das Teil, meinen kleinen Kräuterberg zu entkrauten… wenn nicht, muss ich ihn aufgeben. Habe schon letzten Herbst begonnen, Kräuter im Korb ans Haus zu holen… und dabei eigentlich nur an den Winter gedacht. Es wird sich ergeben, einen schönen Sonntag alleseits!

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Flüsterton (1)

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Flüsterton (2)

„Bier oder Wasser“, fragte Ronja, während sie das Netz vom Imkerhut anhob und ihn absetze. „Bier“, antwortete Hannes und schmunzelte verlegen, denn er hatte gerade ein Bild vor Augen – sie hantierend mit seinen Beinen. Es war ihm irgendwie peinlich, dass sie ihn so hingerafft gesehen hatte. Ronja bemerkte das, als sie mit zwei Flaschen zurückkam. Gelassen bot sie ihm einen Platz auf der Gartenbank an und sprach blinzelnd in die Sonne: „Muss dir nicht unangenehm sein, es war einfach nötig. Du hattest über 40 Fieber, da zögert man nicht lange. Der Mensch ist da wie Honig: bei 41 Grad ist er tot.“
„Ich wollte mich heute bei dir bedanken. Die Hühnersuppe war ein Gedicht!“ „Na, gerne,“ sie zwinkerte ihm zu: „Prost, auf das Leben!“
„Prost, auf das Leben! Und wir, was machen wir damit? Wie alle Wesen kreisen wir zwischen Licht und Schatten. Unaufhörlich. Wir Menschen zünden nachts die Lichter an, als könnten wir der Rotation des Planeten ein Schnippchen schlagen. Zu viel Licht lässt Arten aussterben und uns schlechter schlafen.“
„Ja, ich weiß, aber du kannst doch nicht ernsthaft den Städtern das Nachtlicht ausknipsen wollen?“
„Na, wollen würde ich schon, aber was würde daraus werden? Mord und Totschlag. Nein, nein, es geht um die Reduzierung von Lichtemissionen. Nur ein bisschen dimmen. Irgendwann wird es Beleuchtungsregeln geben, die die Lichtverschmutzungen minimieren werden.“
„Schon wieder neue Regeln,“ murrte Ronja. „Muss das sein? Kann man nicht anders herangehen und beispielsweise über die ‚Schönheit des sanften Lichts‘ sprechen? Was verströmten seinerzeit die alten Gaslaternen für eine wundervolle Romantik, und dann kamen die eiskalten Neonröhren und LED. Ich glaube, über unsere Sinne und Ästhetik lässt sich so ein Thema viel näher an die Menschen herantragen.“
„Interessanter Ansatz“, meinte Hannes. Sein Seitenblick umspielte gerade die Frau, die so lebensklug sprach. Ruhig und wohltemperiert. Er fühlte sich wohl neben ihr.
„Ich finde, der Staat darf nicht alles regeln wollen. Die Leute müssen auf eigene Gefahr leben und nicht immer gleich nach Vater Staat rufen, wenn ein Ast vom Straßenbaum gefallen ist. Mir scheint, durch die Coronazeit haben viele ihre eigene Verantwortung vergessen. Und weil das Geschnaufe und Gebrüll immer lauter wird, würde ich versuchen, da drinnen“, Ronja tippte mit ihrem Zeigefinger auf sein Herz und lächelte ihn dabei mit ihren funkelnden Augen an, „etwas zum Klingen zu bringen. Verlust von Schönheit spüren alle, aber man kann sie wiederfinden und pflegen. Schönheit zu erhalten macht Arbeit, verlangt nach Zeit.“
„Und Liebe“, flüsterte Hannes. Sie sahen einander an. Eine gefühlte Ewigkeit, in der sie sich ungeschützt zeigten und wortlos sprachen – ich bin‘s für dich. Das spürend, schmiegten sie sich aneinander und liebten sich, bis die Nacht über sie fiel.
Hannes stieg bei Kerzenlicht aus dem Bett und gab ihr frech lächelnd einen Handkuss: „Ich muss los, meine Schöne. Oskar wird sich schon sorgen.“
Sie sah ihn verdutzt an.
„Ja, er wartet jeden Abend und fürchtet, ich würde ihn irgendwann verlassen.“
„Und, wirst du ihn irgendwann verlassen?“
„Nein. Es ist ein Versprechen, dass ich ihm gab, als unsere Mutter starb. Ein Versprechen gegen die schwankende Zeit, die Ungewissheiten. Ich bin sein Ankerpunkt, verstehst du?“ „Irgendwie schon.“
Hannes zog sich an, lief die Treppe hinunter, griff sich das Rad und nahm im Mondlicht den Weg durch die Felder. Ronja sah ihm aus dem Giebelfenster nach und dachte beklommen, das kann ja heiter werden.
Sie hatte die ganze Nacht wach gelegen und nachgedacht. Da tritt ein Mann ins Leben und schon geht wieder alles durcheinander. Sie hatte ihren Rhythmus gefunden, sich verortet, Ruhe geschaffen und Stil. Und jetzt gerät wieder alles durcheinander, nur wegen dem bisschen Sex. Mit Hannes und Oskar am Frühstückstisch? Sie wälzte sich in den Kissen. Was will ich? Sie verstand, dass Hannes das Band seiner Familie, das Kümmern, auch um jene, die verachtet oder zurückgelassen sind, nicht durchschneiden wird. Sozialer Kitt, den er lebt. An dem darf ich nicht kratzen. Frauen kommen und gehen, der Bruder bleibt. Als das Morgenrot aufstieg, zog sie sich an und lief hinaus zum Seenblick. Und wie sie dort stand, fest und entschlossen, sprach sie leise in die klare Luft: „Wir lassen alles, wie es ist.“

Aber es war anders. Sie hatten ihre Herzen berührt. Ihre Frage nach Oskar ließ Hannes jedoch wegbleiben. Seitdem sprach Ronja Kiekebusch mit dem toten Vater. Wie eine immerwährende Unterhaltung, die sie aufnahm, wenn sie in das leere Haus trat. „Es ist wieder geschehen, Papa. Kaum, dass ich mich geöffnet habe, begann schon sein Rückzug.“ Sie sprach diese Worte wie ein schmerzhaftes Gemurmel gegen das Alleinsein, gegen ihre Sehnsucht. Als sie Berlin verließ, hatte sie Monate gebraucht, um die letzte Liebe aus ihrem Fleisch zu vertreiben. Erst allmählich kam sie mit dem Single-Leben zurecht.  Die geflüsterten Worte mit dem imaginären Vater kamen einer Selbstreinigung gleich.
Hannes ließ sich wochenlang nicht blicken, und sie ging nicht zu ihm.
Inzwischen war sie mit ihren Bienenstöcken in einen Akaziengrund gewandert. Solche Umzüge waren schwerste Nachtarbeit, nach der sie zumindest gut schlafen konnte. Die Nächte, diese schlimmen Nächte, in denen sie jeder Stern an ihn erinnerte. Sie litt – und weil sie das schlecht aushalten konnte, arbeitete sie intensiv und uferlos. Der Rapshonig war längst in Gläsern und an einen Berliner Bio-Markt verkauft. Für das Land hielt sie nur so viel zurück, was sie von ihrem Hof aus verkaufen konnte. Seit Mai kamen alle paar Tage vorbei und fragten nach der neuen Ernte. Es waren Vaters Kunden, die sie übernommen hatte, und er schwebte gewissermaßen durch diese kleinen Verkostungen und Verkäufe. „Hm, genauso köstlich wie bei Ihrem Herrn Vater. Wunderbar, ich nehme vier Gläser.“  Ronja liebte diese Momente, nicht nur wegen der Einnahmen. Ein Lob geschenkt zu bekommen – gepaart mit Erinnerungen. Erinnerungen sind wie Treibsand und Stimmen aus der Ferne. Geronnene Zeit fließt weiter durch Berührung, in eine andere Form. Das Bild ändert sich. „Wissen Sie, Frau Kiekebusch, Ihr Vater hat meinem Sohn das Leben gerettet. Dort unten an der Badestelle. Der Junge hatte einen Krampf bekommen und wäre glatt ertrunken, wenn Ihr Vater ihn nicht rausgeholt hätte.“ Ronja staunte, das wusste sie nicht. „Das muss wohl in meinen Berliner Jahren geschehen sein. Er hat es mir nicht erzählt.“
„Ach, na ja, der Herr Kiekebusch war immer so bescheiden. Der hat nicht viel Aufsehen darum gemacht. Ein anderer hätte sich als Lebensretter in der Zeitung groß feiern lassen. Das war nicht sein Ding,“ wusste die alte Landfrau. So brachte fast jeder Kunde eine Handvoll Neuigkeiten mit.

Er verließ das alte Fachwerkhaus und trat in die Dunkelheit. „Bringst du mal wieder Honig mit?“, rief ihm Oskar hinterher, bevor die Tür ins Schloss fiel. Er bekam keine Antwort. Hannes wollte nur ein paar Schritte zur Entspannung laufen, da triggerte ihn dieses Wort „Honig“. Der Mann lief trotzig durch das Dorf, ohne aufzuschauen, wollte nicht gesehen oder gar angesprochen werden. Das verstand jeder, der den Gebeugten sah. Körpersprache ist in den Dörfern immer noch ein Signal. Ein paar Schritte hinter dem Ortsrand hatte ihn die Dunkelheit verschluckt. Wenig später stellten seine Augen auf Nachtsicht, so konnte er stolperfrei Schritte setzen. Die Natur liebt die Schwärze. In der grau-schwarzen Moorsenke sah der Wanderer Glühwürmchen tanzten. Hannes blickte zum Nachthimmel – Orion, Großer Wagen, Kleiner Wagen, Polarstern… eben Sommerhimmel, der war langweilig. Für Sterngucker ist der Winter die spannendste Zeit. Sternschnuppenzeit. Ronjas Frage hämmerte in seinem Kopf: „Und, wirst du ihn irgendwann verlassen?“ Wie konnte sie nur. War das unbedachtes Gerede oder schon leise Besitzergreifung? Hannes war empfindlich geworden, denn alle Beziehungen waren an der Nähe zu seinem Bruder gescheitert. Oskar nervte, verletzte, pöbelte, platzte in Situationen ohne jegliche Distanz. Erst jetzt, nach dem Rauswurf bei seiner Freundin, legte sich das alles ganz langsam. Mit 30. Auch, weil Oskar verlässlich spürte: der große Bruder ist sein sicherer Anker, ganz gleich, was geschah. Er hatte ihn nach Schlägereien von der Wache geholt. Wenn er zu ausgiebig mit Glatzen rumhing, fuhr er mit ihm Zelten an die Ostsee oder schleppte ihn auf große Konzerte. Raus aus der dumpfen Ecke. Hannes zeigte ihm immer wieder, dass das Leben schön sein kann. Vielleicht bin ich altmodisch, dachte Hannes, während er durch die Finsternis lief, aber wenn die Gesellschaft auseinanderbröselt, dann muss Familie zusammenhalten. Dafür hatte er ungestillte Bedürfnisse tief in sich vergraben, immer wieder aufs Neue. Das Innere sagte ihm aber auch: dieses ständige Vergraben ist nicht gut.
Wie er so durch die Nacht stapfte, stand er irgendwann vor Ronjas Haus. Nicht bewusst, seine Füße lenkten ihn dorthin. Das Haus lag im Dunkel. Still und ohne Nachtlicht, nur die Grillen zirpten, und in den Feldern raschelte es. Hannes ging weiter bis zur Anhöhe bei den Eulenbergen. Dort kam ihm eine Gestalt entgegen: „Ronja? Was macht du denn hier?“
Sie lief auf ihn zu und flüsterte ihm ins Ohr: „Aus der Tiefe der Nacht schöpfen.“
Sie gingen zum Aussichtspunkt und lehnten, während sie nach den Lichtern am Horizont schauten, mit den Armen auf der Brüstung aus Holzstämmen. Sie fragte ohne ihn anzusehen: „Warum hast du unseren Kontakt abgebrochen?“
Er starrte ebenso in die Ferne und erwiderte tonlos: „Du hast die falsche Frage gestellt.“
„Echt jetzt? Das war der Grund? Deswegen hast du mich nicht in dein Leben gelassen? Einfach gecancelt, wie es gerade in Mode zu sein scheint, wenn‘s mal nicht absolut stimmig ist. Das habe ich nicht erwartet!“ Sie dachte an ihr elendes Befinden in den Wochen nach seinem Abgang und bekam große nasse Augen, aber er sah das nicht, sondern starrte geradeaus. Ronja wandte sich ab und ging wortlos davon, während seine Augen weiter im Dunkel verharrten.

Oskar klingelte. Es war regnerisch, da würde Ronja nicht irgendwo bei ihren Bienen sein. Er zog noch einmal an seinem Zigarettenstummel, dann quetschte er die Glut mit Daumen und Zeigefinger aus, bevor er die Kippe wie Dreck wegwarf. Ronja öffnete die Haustür: „Morgen. Komm rein! Was treibt dich her?“ „Ich möchte ein Glas Honig. Genau solchen wie beim letzten Mal, der war lecker.“
„Oh, da muss ich dich enttäuschen, der war noch aus dem vorigen Jahr. Jetzt habe ich nur Neuen.“ Oskar stand unschlüssig mit ihr im Flur, bis sie ihn erlöste: Na, willst du nicht einfach probieren und sehen, welcher dir zusagt? Ich habe augenblicklich drei Sorten, aber es kommen bis August noch weitere Nuancen hinzu.“
Oskar folgte ihr in die Küche, und sie stellte ihm drei Probiergläser, Teelöffel, einen kleinen Teller und ein Glas Wasser vor die Nase. Sie schraubte die Gläser auf: „Bitte für jedes Glas einen neuen Löffel nehmen. Der Weiße hier ist Rapshonig.“ Oskar nahm sich eine Löffelspitze. „Schön cremig, aber sehr süß.“ Er nahm einen Schluck Wasser, legte den klebrigen Löffel auf den Teller, griff sich einen neuen und fuhr damit in das nächste Glas. „Der ist ja wie flüssiges Gold.“ Er kostete und urteilte: „Mild und im Abgang bisschen kräftig.“
„Ja, das ist Robinienhonig, und der hier kommt aus den Gärten und den Streuobstwiesen.“ „Hm, wunderbar cremig, nicht ganz so süß, und er leuchtet wie Perlmutt. Toll, den nehme ich. Der kommt dem anderen am nächsten.“
„Gut. Weißt du, die Honige sind jedes Jahr geschmacklich ein Müh anders. Das ist wie mit allem anderen auch. Gurken und Tomaten schmecken ja auch nicht jedes Jahr gleich. Wenn zum Beispiel Anfang Juni nochmal Frost kommt und in die Robinienblüten fällt, dann holen sich die Bienen eine andere Tracht hinzu und so kommt es zu den Nuancen.“
„Verstehe. Ich nehme zwei Gläser mit und komme zum Sommerschluss wieder, um die anderen Sorten auch zu probieren, wenn ich darf.“ „Aber gerne doch.“
Oskar fand seinen Honigeinkauf spannend. So hatte er noch nie eingekauft, er spürte aber auch, dass Ronja sehr vorsichtig mit ihm umgegangen war und kein Wort über Hannes verlor. Sein Bauchgefühl sagte ihm, es sei besser, nicht daran zu rühren…