… zurzeit arbeite ich gerade an meinen ersten Bilderfahnen zu dem Themenkomplex „Funken der Seele“ … Hier ein Schnappschuss auf die Halbfertigen …

Motive von Petra Elsner
ATELIER PETRA ELSNER
Niemand ist immerzu so oder so.
Niemand weiß alles.
Niemand bleibt, was er augenblicklich ist.
Niemand bleibt wo er ist.
Jemand kommt und sieht.
Jemand wundert sich.
Jemand wehrt sich.
Jemand urteilt.
Jemand.
Mann ist nicht Frau:
Und Frau ist nicht Mann.
Mann sein und Frau sein bedeutet, anders empfinden.
Es gibt kein gleich sein,
nirgendwo.
Ich sein kann heißen:
Da sein und weg sein.
Seins finden, sich finden.
Ohneeinander, füreinander,
auch gegeneinander,
jeder.
Jeder ist anders,
Was ist jung, was alt?
Grün oder reif? Bunt oder steif?
Quatsch.
Mal laut, mal leise,
mal egozentrisch, mal fürsorglich,
mal froh, mal traurig,
mal alt, mal jung.
Wer denkt, verrennt sich zuweilen.
Wer nicht neu beginnen kann, wird starr.
Dazwischen ist es manchmal entsetzlich,
in alt oder jung – egal.
Am kommenden Sonntag gibt es zum letzten Male von 15 bis 18 Uhr eine Sonntagsöffnungszeit. Danach endet nicht nur die Saison, sondern, ich streiche die offenen Sonntage aus meinem Leben. Sieben Jahre lang habe ich sonntags zur Kaffeezeit Einblicke ins Atelier gewährt. Anfänglich ganzjährig, später in der Sommersaison, nun stelle ich fest – der Aufwand ist einfach zu groß für die wenigen, die sich wirklich unangekündigt auf den Weg machten.
So wird es fortan heißen:
Einblicke ins Atelier sind auf telefonische Anfrage möglich.
Dann schließe ich gern für Neugierige auf. Ansonsten aber will ich mich auf meine schöpferische Arbeit konzentrieren – das sogenannte Kerngeschäft: Malen-Schreiben-Zeichnen- Ausstellen-Lesen. Im siebenten Jahr unseres Lebens auf dem Lande braucht es nun ein Korrektiv. Es sind viele schöne Ereignisse ich den letzten Tagen in mein Leben getreten: Drei Verträge konnte ich unterschreiben, zwei werden sich noch im November in reale Bücher verwandeln, der dritte wird meine Winterarbeit umfassen. Es ist eine tiefe Freude in meinem Herzen. Wenn es greifbar ist, erzähle ich mehr …. (pe)
… meine Güte, frau wird fast wehmütig, ich muss die alten Fotokisten wieder schließen. Wer meint, er müsse mal das Berlin der Zwischenzeit betrachten, kann ja kommen, und in meinen Kisten wühlen … :). Im Sommer 1993 enden meine Fotorecherchen. An einem späten Herbsttag war ich im CC an der Rosenthaler Straße mit einem mir fremden Rucksacktouristen verabredet. Der brachte mir 25 druckfrische Belegexemplare vom Defini Verlag aus Athen mit. Mein erstes Buch – in griechischer Sprache, ich kam mir vor wie eine Hochstaplerin, denn ich hatte zwar ein Buch geschrieben, aber keiner konnte es hier lesen… Übersetzt und in Wege geleitet wurde es übrigens von der Fotografin und Dolmetscherin Katerina Mavrokefalidion, die übrigens sehr besondere Fotos aus dem Westberlin der 60er Jahre geschossen hat …
Hier noch ein paar Bilderblicke zum Abschied, morgen gehts zurück ins Jetzt:
Das Zosch als Musikkneipe gibt es in der Tucholskystraße 30 noch. Damals hatte es auch eine Lesebühne im Keller.
Ein verwunschener Blick auf die Kuppel der Neuen Synagoge an der Oranienburger.
Das Hackische Hoftheater in den Hackisches Höfen war Berlins Adresse für gestisch-mimisches Theater und jiddische Kultur. Das Theater wurde Anfang Januar 2006 geschlossen.
Und die Zwei: Claudia Koch und Hardy Reich (von Aufwind) spielten hier in „Max & Moritz…“
Die Stadtsteine zwischen Oranienburger Straße, Große Hamburger Straße, Rosenthaler Straße und Steinstraße waren schon ruinös beschaffen, damals 1993 – ohne Worte ein paar Bilder aus dem Kiez jener Tage:
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Das Silberstein an der Oranienburger Straße 27 war als Café, Bar und Restaurant besonders stylisch eingerichtet: mit Kunststühlen, Stahlfiguren und großformatiger Malerei an der Wand und elektrische Musik. Meine Aufnahmen stammen aus 1993. Der Ort hatte eine wunderbare Atmosphäre, leider ist das Silberstein in Berlins Scheunenviertel indes auch geschlossen.
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Vom Franz- Club habe ich seltsamerweise nur diesen Schnappschuss (gefunden).
Foto: Petra Elsner
Aber diese Szene aus meinem Buch „Glatze & Palituch“ (was bestimmt nicht mein bestes war, eher ein Freischreiben, doch es hat die Zeit eingefangen) erzählt davon :
„… Im „Franz“, dem Club in der denkmalgeschützten Brauerei Ecke
Schönhauser/Sredzkistraße, ist kurz nach 21 Uhr noch gähnende Leere. Das ändert sich mit zunehmenden Viertelstunden rasch. Im Buch- und Plattenladen guckt Matze nach Neuerscheinungen. Anschließend sucht er sich im angrenzenden Raum einen guten Beobachtungsposten. Links, neben der Doppeltür, ermöglicht eine gewaltige Spiegelfront selbst in das größte Menschendickicht totale Einsicht. Diagonal dazu erhebt sich ein kleines Podest mit drei Sitzgruppen. Einen dieser Tische steuert Matze an. Von dort aus kann er nicht nur gut die dichter werdende Gästeszene überschauen, er wird auch von den Eintreffenden leicht entdeckt. Matze schaut in die Gesichter und stellt fest: Der ‚Franz‘ ist auch nicht mehr das, was er mal war: Linke-Szene-Treff. Is nur noch ’n Mythos. Höchst ärgerlich. Der Schickimicki-Zuzug macht mit seinen Klüngeln jeden Ort kalt. Aber heute Abend ist Blues, der lockt bestimmt noch andere Typen. Und ob. Das ist aber ne süße Hippie-Braut. Irre Spätlese. Mensch, und die Jungs aus dem Dunkerklub machen heute auch nen Gemeinschaftsausflug. Gibt‘s nicht. Dass die mal ihr Revier verlassen. Echt selten. Junge, sind die böse drauf. Bis zum Anschlag vollgetankt, typisch.
Matze starrt wieder gebannt in den Eingangsbereich: Vielleicht kommt Vonny doch noch. Für Blues ist sie immer zu haben. Die Warte-Gedanken treiben urplötzlich Matzes Herz an. Darüber beginnen ihm die Hände zu fliegen, es ist das zweite Mal in diesen Tagen. Matze kann das Glas Bier nicht zitterfrei führen. Es ärgert den Mann, so seine Selbstkontrolle zu verlieren. Wenn wenigstens ein bekanntes Gesicht auftauchen würde, einer, der einen ablenkt. Tage gibt‘s, die sind wie verhext. Ich könnte ja jetzt meditieren, dann wär das Zittern weg. Schön, aber dann kann ich nicht sehen, wer kommt.
Die Zeit schleicht. Matze blättert abermals im Programmheft. Wer ist eigentlich Amos Garret?, fragt er sich und liest nach: „Musiker vom Range Stevi Wonder, Mark Knopfler oder Elliot Easton meinen, Amos habe eins der zehn schönsten Gitarrensoli der Rockmusik gespielt, das auf Maria Muldaurs Hit ‚Midnight At The Oasis’…macht heute zeitlose, handwerklich meisterhafte und durch und durch ehrliche Musik…“ Oha“, resümiert Matze, es wird also was Gutes. Aber das allein baut ihn noch nicht auf. Nach einer Weile gibt er seine Wachpose auf, holt sich bei der schlanken Schwarzen hinterm Tresen ein weiteres Bier und schiebt sich schließlich durch die bereits fan-gefüllten Clubräume in den Konzertsaal. Rechts vor der Bühne, neben den monströsen Lautsprecherboxen, entdeckt er an der Fensterseite noch einen Sitzplatz auf der Podest-Stufe dieses schwarz gestrichenen Raums. Er nimmt den letzten, kräftigen Schluck aus der Flasche, spürt, wie seine Zerrissenheit zugunsten einer leichten biergeschwängerten Gelassenheit weicht und geht langsam auf den Platz zu. Die Frau, die neben ihm hockt, ist annähernd vierzig. Sie kommt ihm bekannt vor. Wann und wo? Matze weiß es nicht mehr. Sie unterhält sich ernst und wortführend mit zwei Männern etwa gleichen Alters und beachtet den jungen Typen, der neben ihr die Lücke schließt, nicht.
Die Band stellt sich vor. Matze schaut bühnenwärts in fünf zerknitterte Gesichter. Der Bandleader, denkt er sich belustigt, muss mit dem Pferd gekommen sein. John-Wayne-Verschnitt, irre komisch. Daneben, der Bassist, wirkt mephistohaft. Das ist irre gut gemacht. Der Mann ist einfach von grünem Licht überflutet. Teuflisch. Und der mit der Quetsche – nein! Der sieht aus wie ein versoffener, lebensgebeutelter Farmer, der in einer Hamburger Hafenkneipe verloren ging. Aber was für ein ehrliches Mienenspiel. Wahnsinn! Keine kalten Posen! Alte Leute brauchen keine Lügen mehr.
Matze kann sich nicht sattgucken und findet: Die Typen muten an, als wären sie einem Musik-Comic entsprungen. Und was sollen die Hawaiitöne zwischen dem eher rockigen Blues? Aber das ergibt einen verdammt irren Sound.
In Matzes Gemüt zieht ein Lächeln und die Band im späten Zenit spielt ihm langsam Rhythmus und Wärme in den Bauch. Die alten Blues-Country-Männer sind gut, so gut, dass sie die Leute nicht nur zuhören und mitstampfen lassen. Die Masse muss sich bewegen, sich hineintanzen in den Pulsschlag eines vertonten Schicksals – Trance. Keine Koketterie zwischen Bühne und erster Reihe.
In der Pause flitzt Matze zu Vonnys Wohnung, ein paar Ecken weiter in der Rykestraße. Hoffentlich glaubt sie nicht, ich will sie bedrängen. Nein, will ich nicht. Ich muss einfach meinen Fotoapparat holen. Puh, Alter, musst mehr rauchen, das keucht sich gleich viel besser. Ich werd‘ ihr sagen, keine Panik, ich brauche nur meine Knipse. Da sind faszinierenden Gesichter auf der Franz-Bühne, die muss ich einfach mal für mich festhalten. Das kennt Vonny. Meine Leidenschaft – etwas zu bewahren, wie in den ästhetischen Aktfotos von ihr. Solche Fotos gelingen nur, wenn‘s innen stimmt. Puh, nur noch die Treppen. Los, Alter, los!
Matze hastet die durchgetretenen Stufen des Hinterhauses hinauf. Sie knarren und das Geländer wackelt. Es riecht nach Katzen und Moder. Die undefinierbare Wandfarbe blättert sich wie Haut nach einem schlimmen Sonnenbrand. Nur die farbigen Türen stechen aus der schäbigen Kulisse, mal mit Aufklebern oder Postern versehen, andere sind wahrste Pinn-Wände: „Maike! Ich bin auf’m Kolli!“ „Jule, ruf mich an, Sveni!“… Botschaften der Bewohner und Mitteilungen für sie.
Schnaufend schließt er im vierten Stock die Wohnung auf und findet Vonny über Büchern vertieft. Keine Frage, weshalb sie ihn warten ließ, nur ein:
„Hallo! Ich such‘ nur meine Canon. Bin gleich wieder weg. Im ‚Franz‘ ist ein ganz fantastischer Blues.“
Die blasse Mädchengestalt im Lichtkegel einer Conti-Stehlampe, Modell 60er Jahre, verfolgt verdutzt hinter ihrer Nickelbrille Matzes hektisches Kramen im Bretterregal ihr gegenüber. Keinerlei Zuwendung, das verwirrt sie. Dann ist der Freund, den sie heute und demnächst nicht sehen wollte, ohne weitere Worte schon wieder zur Tür heraus, und sie war nicht einmal dazu gekommen, etwas zu ihm zu sagen.
Foto: Petra Elsner
Als der Langbeinige atemlos den Club betritt, ziehen die Musiker den letzten Zug an ihrer zweiten Pausenzigarette und greifen nun wieder nach den Sinnen der Fan-Gemeinde. Matze ist zu seinem Platz zurückgekehrt. Er versucht sich nicht von den Klängen einnehmen zu lassen, zumindest bis er die Fotos im Kasten hat. Es gelingt ihm nicht. So schleicht er swingend dem Faltenspiel der lebensgezeichneten Seelenfänger entgegen. Als er nachdem von der Bühnenrampe den Sucher ins Publikum richtet, hat er plötzlich die reifere Frau im Visier. Sie tanzt. Jeder Muskel ihres Körpers nimmt die Klangwellen in sich auf und formt daraus natürliche, gleißende Bewegungen. Matze wird ganz warm von so viel nach außen gekehrtem Gefühl. Da ist auf einmal Vonny neben ihm und nimmt das gleiche Bild in sich auf. Schauen und fühlen. Das Tanzen der Frau und der Sound lösen in ihnen Verklemmungen. Matze legt den Fotoapparat beiseite und greift nach Vonnys Händen. Was tief in Vonnys Herzen vergraben und scheinbar mit Vernunft versiegelt, fließt in einen allessagenden Blues-Tanz, erst noch etwas steif hippelnd, dann geschmeidiger, Matthias wieder zu. Indem wachsen sie, sich der Musik hingebend, zu einem Körper mit vier Händen, Beinen, zwei Köpfen und einem Sinn.
Gegen zwei Uhr morgens treten die kanadischen Profis von der Bühne ab. Im Spiegelsaal thronen schon die Stühle auf den Tischen, aber ein paar Unermüdliche wollen noch nicht hinaus in die dunkle Stille der grauen Stadt … “ (pe)
Das Tacheles an der Oranienburger Straße wurde in der 90er Jahrer von Künstlern aus aller Welt belebt. Es begann mit einer Torsobesetzung und wuchs zu einem gigantischen Kunsthaus mit dem Charakter einer Institution. 2012 wurde es zwangsgeräumt.
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner
Die Assel an der Oranienburger Straße 21 war 1992 meine Lieblingscafékneipe, sie war die erste Szenekneipe nach dem Mauerfall an dieser Straße überhaupt …
Nirgendwo hat sich Berlin nach der Wende und der Vereinigung von Ost- und Weststadt so extrem verändert wie in Mitte. Während Mauerspechte das Sinnbild des eisernen Vorhangs in einen Schweizer Käse verwandelten, waren es Künstler aus 21 Ländern, die auf die östliche Mauerschneise zogen, um die „East Side Gallery“ auf 1,3 Kilometern an der Mühlenstraße mit über hundert Kunstwerken zu gestalten. Nur wenige Werke haben die Zeit überdauert, denn das Zeugnis der Teilung ist fast vollständig aus dem Stadtbild verschwunden. Man muss heute schon ins Museum Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße gehen, um dem politischen und menschlichen Drama des monströsen Grenzstreifens nachzuspüren.
Selbst Einheimische hatten während der intensiven Bauzeit von Beginn der 90er Jahre bis in die Gegenwart am Potsdamer Platz, der Friedrichstraße und dem Regierungsviertel zuweilen erhebliche Schwierigkeiten sich noch zurechtzufinden. Denn die alten Orientierungspunkte im Stadtbild verdecken heute ungleich viele neue. Es findet sich kaum ein Ort, der nicht verwandelt wurde.
Dort, wo heute stolz das Kanzleramt thront, lag noch vor zwölf Jahren eine grüne Brache und dämmerte in der Zeit, als urplötzlich das Herz der Großstadt hier wild und arhythmisch schlug. Ein Experimentierfeld für Schrott- und Überlebenskünstler entstand.
Berlins Mitte, das einstige Machtzentrum, bot nach NS- und DDR-Zeit mit dem Mauerfall plötzlich kreative Spielplätze, über deren Ausmaß die keine deutsche Stadt mehr verfügte. Ungeklärte Eigentumsverhältnisse und die verwaisten Plätze der Macht machten es möglich. So kamen auch hierhin Künstler aus aller Welt, um zwischen Spreebogen und Spandauer Vorstadt das Vakuum mit einem bunten Zwischenleben auszufüllen, dass heute immer noch die Touristen bei ihrem Bummel zum Kunsthaus Tacheles an der Oranienburger Straße vermuten. Doch die alternative Inszenierung hat sich mit der schicken Sanierung des Viertels verflüchtigt. Die Kunst- und Kneipenszene am Straßenland entlang der Oranienburger-, Tucholsky-, August- und Gipsstraße ist nobel geworden. Und auch in den Hackeschen- und den Sophienhöfen steppt nun lustvoll der Luxusbär. Diese neue Flaniermeile, nur einen Steinwurf von der altehrwürdigen Museumsinsel entfernt, läuft so zuweilen dem zu DDR-Zeiten erbauten Nikolaiviertel am Roten Rathaus als touristische Attraktion den Rang ab. Indes beleben die Kreativen der ersten Stunde nach dem Mauerfall andere Quartiere. Beispielsweise den Beusselkiez im Ortsteil Moabit (Tiergarten) oder die Soldiner- und Wollankstraße im Wedding. Stadtteile, die seit 2001 zum Großbezirk Berlin-Mitte gehören.
Es scheint so, als ebnete die alternative Kunst in der Stadt immer neue Lebenswege. Öde oder vernachlässigte Winkel erhalten durch sie einen Hauch von Stadtabenteuer. Das zieht Touristen, und jenen folgen auch hier gern Investoren nach. Jene letztere kann Berlin nicht nur am Postdamer-, am Pariser Platz und am Alexanderplatz gebrauchen. Denn mit der Gründung des neuen Großbezirkes gehören nun Stadtteile zusammen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können.
Mag der Übergang von der alten Mitte durch das 2002 frisch sanierte Brandenburger Tor hinüber zum Tiergarten mit dem Reichstag, Siegessäule, dem Haus der Kulturen der Welt an der Spree, der Philharmonie und dem Kulturforum am Kemperplatz seidenweich muten. In den Wohnkiezen abseits vom neuen Hamburger Bahnhof mit seinem Museum für Gegenwart, dem neuen Hauptbahnhof Lehrter Bahnhof, dem Zoologischen Garten und dem Schloss Bellevue vollzieht sich noch zäh der Stadtwandel vom Industrie- ins Dienstleistungszeitalter. Die Osram-Höfe, als inzwischen begehrter Gewerbe- und Technologiestandort und das neue Gesundbrunnen-Center, einer der größten Berliner Einkaufstempel, sind einige Startzeichen dieser neuen Zeit. Schon rund zwei Drittel der Arbeitnehmer im Ortsteil Wedding arbeiten heute im Dienstleistungssektor. Aber noch ist gerade dieser Stadtteil vom anhaltenden Verlust industrieller Arbeitsplätze besonders betroffen. Gegen den Lehrstand und somit den Niedergang von intakten Stadtlandschaften, wirken im Tiergarten und Wedding fünf Quartier-Managements mit ihren Angeboten vornehmlich Arbeitslosigkeit und Konflikten zwischen den verschiedenen ethnischen und sozialen Gruppen entgegen.
© Petra Elsner