Drei Engelshaare für einen Weihnachtsmuffel

Am Heiligen Abend nahm sich der kleine Schutzengel Jonathan frei. Er spendierte Axels sonderbarem Weihnachtsbaum – einer kahlen Birke – noch drei Engelshaare, dann verdrückte er sich grußlos auf leisen Pantoffelsohlen. Axel bemerkte Jonathans Abwesenheit nicht sogleich, als Weihnachtshasser war er eigensinnig mit dem Pulsieren seiner Feiertagslaune beschäftigt. Eine Stunde vor dem Schutzengel ging Luise. Nicht so lautlos wie Jonathan versteht sich, sondern ausgesprochen demonstrativ. Sie war es, die als x-te Festbaum-Alternative jenen nackten Winterbaum erfand und aufstellte. Die Frau bewaffnete sich mit einer Klebstoffpistole und schmückte das kahle Geäst mit Nüssen und Früchten aus. Während sie die erste weiße Kerze montierte, zischelte Axel giftig: „Total verkitscht. Musst Du denn unbedingt diesen kommerziellen Scheiß mitmachen?“ Luise atmete tief aus und schien dabei irgendwie zu schrumpfen, als wollte sie in Deckung gehen. Dann aber fasste sie sich ein Herz. Schließlich war diese extrem-spartanische Weihnachtsdekoration ihr letzter Versuch, Axels Weihnachtsphobie nicht herauszufordern. Dieses Jahr würde es den obligatorischen Heilig-Abend-Krach nicht geben, denn Luise sehnte sich nach feierlichem Frieden. Ganz gleich, was sie in den vergangenen Jahren zu diesem Fest ausprobierte – immer ging es schief. Selbst wenn sie statt einer Gans schlicht Spagetti mit Tomatensoße auftischte, waren es am Ende die Serviettenmotive – güldene Sterne -, die Axel auf die Palme trieben. Luise huschte in den Flur, schlüpfte in ihren Mantel und rief nur noch: „Pflege du mal schön deine Weihnachtsmeise, ich geh!“ Die Wohnungstür fiel theatralisch ins Schloss, dann war es still. Gruselig still.  Axel wunderte sich zunächst, er hatte doch noch gar nicht richtig losgelegt, weder Weihnachtskugeln zertöppert, noch radikal-feudalistische Debatten losgetreten, er hatte noch nicht bösartig die Weihnachtsgeschenke der Schwiegermutter zurückgewiesen und Luise echt spießbürgerliche Ambitionen vorgeworfen. Aber gut, wenn die Frau unbedingt unter einem Weihnachtsbaum singen will, soll sie doch.

Axel hockte sich vor seinen Computer und dachte, vielleicht könne er ja virtuell mit jemandem herumstänkern. Aber sein Postfach gähnte vor Leere, kein Mensch bedachte Axel noch mit Weihnachtsgrüßen, selbst sein Apotheker hatte ihn aus seiner Adresskartei gestrichen. Kein Wunder, niemand mag auf herzwarme Grüße (selbst wenn es sich dabei um versteckte Eigenwerbung handelt) Antworten wie: „Ich verbitte mir diese schwülstigen Belästigungen, Du Cocacola-Idiot!“ empfangen. Kurzum: Mit Axel spielte an diesem Abend niemand mehr, und just das machte den Mann dann doch nervös. Noch nie war er am Heiligen Abend allein gewesen. Es war ihm nicht wirklich klar, dass er im Grunde diesen Weihnachtshass nur leben konnte, wenn ihm beim Hassen jemand zusah, er sozusagen Publikum für seine schlechte Laune brauchte. Jetzt hatte er keines. Indem er sich dieser Umstände gewahr wurde, fand er Weihnachten allein eigentlich noch schlimmer als den ganzen Budenzauber.

Dem Manne fröstelte, es war eben jener Moment, der ihn spüren ließ, dass selbst Jonathan von seiner Seite gewichen war.  Axel fühlte sich plötzlich mager und schutzlos. Er stand vor Luises im Grunde doch sehr schöner Baumkreation und fand die drei Engelshaare. Ein himmlisches Geschenk, für ihn, den Ungläubigen? Er besah sich die hauchdünnen Fädchen aus purem Gold und wusste, es war so: Er, der Weihnachtshasser Axel, bekam in dieser Heiligen Nacht eine Chance geschenkt. Lange starrte der Mann aus dem Fenster in die dunkle Nacht und überlegte, dann öffnete er die Fensterflügel, warf die Engelshaare in die Finsternis und rief ihnen vom 10. Hochhausstockwerk hinterher: „Ich wünsche mir Luises Rückkehr, einen Festtagsbraten und ein gutes Leben!“ Während er noch ein schwaches Echo seiner eigenen Worte empfing, schloss es an der Haustür …           

Der Weihnachtsapfelbaum

Hinter dieser  Tür wohnt ein Sack voll Märchen… Ich weiß, die Tür müsste mal wieder gestrichen werden, vielleicht schaffe ich das ja 2018 :).

Alle Jahre wieder schreibe ich eine Weihnachtsgeschichte und wünsche damit meinen Liebsten und Freunden eine frohe Weihnacht. So auch dieses Jahr: Ich denke fest an Euch und wünsche Euch allen Gesundheit und Glück, Mut zur Lücke und Freude am Leben, Eure Petra

Scharfer Novemberwind wehte einen Hauch von Schnee in den kahlen Apfelhain. Josefine fröstelte und sorgte sich. Die Obsternte war nach den späten Frösten im Frühjahr komplett ausgefallen. Trotzdem kamen seit Oktober Kunden auf ihren Hof und fragten nach Weihnachtsäpfeln, den Purpurroten Cousinots, der Ingrid-Marie und der Roten Sternrenette. Bedauernd schüttelte Josefine Kannengießer ihren Kopf und wiederholte die Worte „Alles im Frühling erfroren, keine Chance dieses Jahr.“ wie ein Mantra. Die enttäuschten Blicke der Leute nagten an Josefines Ehre. Schließlich versorgten die Kannengießers schon seit  Generationen die Leute in der Gegend mit knackigen Weihnachtsäpfeln. Die Tanne in der Mitte des  Dreiseitenhofes wurde stets zum Weihnachtsfest mit Nüssen, Strohsternen und roten Äpfeln geschmückt. In Ermangelung von echten hatte die junge Landfrau Deko-Äpfel via Internet geordert. Was für eine Schande, dachte sie währenddessen.  Der Urgroßvater würde sich im Grabe umdrehen.

Der Sturm rüttelte arg an dem alten Fachwerkhaus. Die Frau trat ans Fenster und lauschte ihm nach. Es war ihr, als fegte der Wind ihre Gedanken in eine Zeit, als ihre Urgroßeltern lebten. Dunkel erinnerte sie sich, dass ihr Urgroßvater immer im Spätherbst von einem geheimen Ort im Wald tiefrote, spritzig-süße Äpfel holte. Die lagerte der alte Köhler sorgsam ein und polierte am Weihnachtsabend die schönsten für den großen Weihnachtsteller der Familie.  Alle Jahre ging das so, bis der Alte verstarb. Der Weihnachtsapfelbaum im Wald geriet in Vergessenheit. Schließlich wusste ja niemand so genau, wo er stand. Das war auch nicht weiter schlimm, da die Familie inzwischen einen großen Apfelhain geschaffen hatte. Aber keiner dieser Äpfel hatte dieses feine Weihnachtsaroma, wie jene, die der Urgroßvater verschenkte. Was das nur für eine Sorte war? Josefine suchte nach dem alten Familientagebuch ihrer Großmutter und blätterte darin. Ziemlich weit hinten waren zwischen den handgeschriebenen Zeilen kleine quadratische schwarz-weiße Fotos geklebt. Auf einem dieser Bilder entdeckte sie sich selbst als Fünfjährige neben ihrem schon sehr, sehr alten Urgroßvater. Sie standen vor einem mächtigen Apfelbaum. Im Hintergrund rauchte ein Kohlenmeiler. Darunter stand: „Der letzte Brand.“ Das musste doch der Standort des alten Baumes sein und sie war sogar schon einmal dort. Irgendetwas trieb die Frau an, diese Lichtung im Wald zu suchen.

Am nächsten Morgen brach sie auf. Mit dem Kleintransporter fuhr  sie bis zum Wuckerweg tief in der Schorfheide. Eine Kiepe auf dem Rücken stapfte sie los. Auf dem Foto im Familientagebuch war unten links im Grauschleier ein Jagenstein erkennbar, der eine verwitterte Nummer trug. Josefine entzifferte die Zahl als 230. Diese Markierung könnte sie bei ihrer Suche leiten. Bei dem Jagen 228 war sie schon angelangt. Sie pirschte sich weiter Richtung Süden. In der Stille der Waldluft fühlte sich die Frau frei und stark.  Es dämmerte schon als sie bei ein paar alten Fichten, rechts beim Weg einen großen Findling erblickte, auf dem „Märchenwald“ geschrieben stand. Josefine dachte bei sich, dass passt zu diesem verwunschen-schönen Ort und ihrer Absicht. Kaum später gelangte sie auf einen schmalen Wildacker und entdeckte im Waldsaum ein rotes Leuchten. Die Augen der Frau strahlten: Geschützt vor Wind und Wetter stand dort der mächtige Urgroßvaterbaum voll behängt mit prächtigen Winteräpfeln.
Tagelang machte sich nun Josefine zu dem Baum im Wald auf und erntete die wundervollen Früchte. Und weil sie nicht dahinterkam, wie diese alte Apfelsorte hieß, schrieb sie sie einfach auf ihr Angebotsschild am Hofladen: „Köhlers Märchenapfel – perfekt zum Weihnachtsfest“.                                                                                                                                                               Petra Elsner, 2017

Nachtrag
Den Findling mit dem Namen „Märchenwald“ gibt es wirklich in der Schorfheide. Keiner weiß, weshalb der so heißt.  Aber nun gibt es diese Geschichte für ihn…

Der Stein ist u.a. in dem Bändchen „Gedenksteine und Forstorte in der Schorfheide“ von Joachim Bandau vermerkt.

Der gelbe Punkt Nummer 6 markiert seinen Standort. Die Karte stammt aus dem Buch von Joachim Bandau. Um dort hin zu gelangen, benutzt man nicht wie im Märchen den „Wuckerweg“ (ich musste im Text die Frau ja auf einen weiteren Weg schicken…), sondern läuft dort, wo der Wildauerdamm von der L100 abgeht, den Waldweg parallel zu den beiden Radangseen. Dort werdet ihr dem Stein begegnen, dem Apfelbaum sicher nicht. Es ist eben ein Märchen, kein Reiseführer…

Der Spuk in der Tanne – der 5. Akt

Fridolin von der Tanne

Die Tage vergingen und Weihnachten rückte heran. Rudi Sonne und Leon hatten seit jener abendlichen Begegnung dem kleinen Eichkater täglich drei Nüsse spendiert. Ohne goldene Farbe, versteht sich. Fridolin besuchte sie immer zur gleichen Stunde. Es tönte dazu ganz leise, weil an seinem Sprungast zwei Weihnachtsglocken hingen, die natürlich mit der Bewegung läuteten.

An diesem Abend standen die Jungs von der Kinderfeuerwehr vor Rudi Sonnes Tür. Sie waren extra zum Revierförster gefahren, bei dem in dieser Jahreszeit auch Eicheln für die Waldtiere lagerten. Längst war es stadtbekannt, dass  Leon und der Maler 200 Nüsse vergoldet hatten, die Fridolin samt und sonders vom Baum gepflückt und versteckt hatte. Den jungen Kameraden war ihre Unterstellung wirklich peinlich, und sie baten Leon mit einer großen Schüssel Eicheln in den Händen um Verzeihung. „Schwamm drüber!“, meine der nur großzügig. Alles schien gut, denn auch die Händler hatten den kleinen  flauschigen Kerl tief in ihr Herz geschlossen und verwöhnten ihn mit schönsten Früchten. Die Nachtwächter wurden abbestellt. Fridolins akrobatische Aktionen brachten die Menschen auf dem Platze oft zum Lachen, es schien fast, als gehörte er für immer an diesen Ort.

Nur was sollte werden, wenn der Markt am Heiligen Abend schloss und der Weihnachtsbaum  nach den Feiertagen abgeschmückt und zu Kompost verarbeitet werden würde? Gewiss, die Bewohner am Markt würden Friedolin auch weiter füttern. Aber auf dem Marktplatz standen keine Bäume, und es gab auch keinen schönen Stadtpark. Wo sollte er eine Höhle finden, wo einen Fluchtpunkt und sicheren Ort? Und sollte dieses Eichhörnchen immer ohne Gefährtin leben? Leon und Rudi rauften sich die Haare über diesen Gedanken, denn ihnen wurde klar: Sie mussten etwas unternehmen.

Zuerst fragten sie den Ortsbrandmeister Lemke, wer denn den Baum der Stadt geschenkt hätte. Lemke wusste das nicht. Er habe den Baum doch nur aufstellen lassen und geschmückt: „Da müsst ihr wohl den Bürgermeister fragen.“ Doch auch Conrad Lob konnte keine Auskunft zu geben: „Sprecht einmal mit der Unteren Naturschutzbehörde, der Bodo Grünlich ist dort der Baumexperte.“

Besagter Sachverständige und Baumfreund wusste, von welchem Haus am Wald die Tanne stammte: „Nicht  wahr? Der Baum war viel zu schön zum Fällen. Aber wenn es um einen Weihnachtsbaum geht, drücke ich alle Augen zu. Was? Der Fridolin von der Tanne ist nicht rechtzeitig ausgezogen und hockt nun auf den öden Stadtsteinen?  Das ist ja furchtbar!“, rief Grünlich aufgebracht.

Der Maler und der Junge saßen noch lange bei dem Naturbeamten und hörten sich geduldig an, was so ein Tier frisst und was nicht, wie es artgerecht gehalten wird und was geschehen könnte, wenn nicht. Eines war gewiss, Fridolin von der Weihnachtstanne musste dorthin zurück, wo er herkam ….

 

Der Spuk in der Tanne – der 4. Akt

Der Spuk.

Die kleine Stadt erwachte langsam. Flocken wirbelten. Ein Mann schlich um die Tanne und lauschte, ob sich darin etwas regte. Es war ihm, wäre etwas in ihr Unterholz gehuscht, schnell wie ein Luftzug. Fridolins Augen suchten hellwach die Dunkelheit ab. Dort, bei den Blumenkübeln, entdeckte er einen zweiten Wachmann. Und weiter hinten noch einen und dahinter noch einen. Bewegliche Schatten, die offenkundig den Marktplatz beobachteten. Die Schritte knirschten nicht mehr im Schnee.  Der Mann in Fridolins Nähe blieb stehen. Klein und kahlköpfig. Just dort, wo gestern das Eichhörnchen seine Vorräte vergraben hatte. Fridolin wartete, aber der Wächter bewegte sich keinen Zentimeter von der Stelle. Er  passte auf, dass niemand mehr unbemerkt über das Marktgelände spazierte.

Gut, dass in dem Baum noch andere Leckereien hingen. Fridolin kletterte von Astetage zu Astetage, knabberte hier an Schockladenplätzchen, dort an roten Äpfeln, ganz unten fand er Leons goldene Nüsse: Oh, wie wunderbar, dachte der kleine Nager und knackte eine Schale nach der anderen. Die übrigen versteckte  Fridolin diesmal in den Balkonkästen des Hauses gleich hinter der Tanne. Es war mit einem kleinen Eichkatersprung locker zu erreichen,  ohne  dass er auf das Steinpflaster hinabsteigen musste.

Am Nachmittag schlenderte Leon mit seinen Freunden von der Kinderfeuerwehr über den Adventsmarkt. Von Tag zu Tag kamen immer mehr Händler mit weihnachtlichen Waren. Darunter auch Handwerker, die ihre Künste vorführten. Auch Rudi Sonne, war unter ihnen und bot sich als Porträtzeichner an. Leon wollte ihm dabei zusehen.  Als die Kindergruppe bei der Tanne ankam, fragte jemand: „ Habt ihr  wirklich alle hundert Nüsse neu vergoldet und angehängt, du und der Maler, ganz allein?“ Leon nickte. Sein Blick suchte jetzt die Tanne ab. Wo waren sie nur. Aufgeregt lief er um den ganzen Weihnachtsbaum herum. Nein, nicht eine einzige konnte er noch finden. Leon stand und prustete: „Jemand hat meine Nüsse geklaut!“ Alle Augen richteten sich nun auf das Kind. Die Blicke fragten: Wer? Wo? Was? Warum? Aber als sie Leon, den Tollpatsch,  entdeckten, lächelten die Leute nur milde. Gewiss hatte er sie nur wieder verloren.  Die Feuerwehrkinder aber schauten nicht so entspannt: „Erst lässt du unsere Goldnüsse vom Laster zermalmen, und dann schwindelst du uns obendrein noch an“, sprach  einer aus, was alle dachten. Leon drehte sich blitzartig ab und rannte zu Rudi Sonne: „Jemand hat unsere Nüsse gestohlen!“ Der Maler hob die Brauen: „Wie jetzt, unsere Goldnüsse, alle?“ „Alle hundert, wer macht denn  so was?“, schluchzte das Kind. „Und meine Kameraden glauben mir kein Wort mehr!“ Leon sah den Malerfreund so herzergreifend an, dass jener vorschlug: „Komm heute Abend zu mir, wir zaubern zusammen noch einmal neue Goldnüsse und hängen sie morgen Nachmittag mit deinen Freunden gemeinsam auf!“

Diesmal ging alles viel schneller, denn der Maler hatte einfach flüssige Goldfarbe auf den Tisch gestellt, in die er mit Leon Nüsse tauchte. Wieder waren es genau hundert Stück, nur nicht ganz so leuchtend und edel wie jene, die mit Blattgold belegt waren. Die trockneten sehr bald draußen auf dem Balkon. „Hoffentlich stibitzt die nicht wieder jemand!“, wünschte sich Leon.

Fridolin beim Nüsse mausen.

Die Beiden saßen zufrieden beim Tee und schauten hinaus in das Winterdunkel, als plötzlich Fridolin auf dem Balkon auftauchte. Zwischen seinen Zähnen hielt er eine Nuss, natürlich eine  goldene …

Der Spuk in der Tanne – der 3. Akt

Fridolins Herz raste,  und die ganze kleine haarige Gestalt zitterte.  Noch immer saß ihm der Schock in den Knochen, selbst als der Baum zur Ruhe kam. Was war geschehen? Das kleine Eichhörnchen schlief fest in seiner Höhle, als die Holzfäller nächtens Flutlicht auf die Tanne richteten. Alles ging blitzschnell: Eine Motorsäge jaulte auf,  sie schnitt einen Keil in den Fuß des Baumes, dann legte sich Fridolins allerschönste Tanne krachend um. Im Fallen dachte der Eichkater noch, sein letztes Stündlein habe geschlagen, doch er konnte sich vor Schreck nicht rühren. Und so kam es, dass er mitsamt der Tanne auf dem Tieflader an diesen fremden Ort geriet.

Fridolin. Zeichnung: Petra Elsner

Jetzt sortierte und putzte Fridolin sein Fell über den unzähligen blauen Flecken. Seine Schlafstatt hatte sich komplett aufgelöst und hing nun wie Spagetti an der rauen Höhlenwand. Fridolin sammelte von ihr die Heu-, Stroh- und Moosteile ab und baute sich daraus ein neues Lager. Darauf sank er erschöpft nieder und grübelte: Da hat es Opa Willi doch wahrgemacht. Schon seit Wochen sprach er zu Oma Frieda, die Tanne müsse weg, sie überschatte ihr kleines Häuschen am Waldesrand. Oma Frieda schimpfte: „Das kannst du doch nicht machen,  Willi! Die Tiere im Baum haben hier ihr Winterquartier, sie werden ohne Obdach umkommen!“ Doch der alte Mann meinte nur, wenn kein Licht ins Haus fiele, koste es zu viel Strom. Er werde die Tanne einfach der Stadt als Weihnachtsbaum spendieren, dann habe man auch mit dem Fällen keine Mühe. Zwar hörte Fridolin das Gespräch der beiden Alten, doch er konnte sich nicht  recht  vorstellen, was das bedeuten würde.

„Nun, ich hab es ja überstanden“, murmelte er sich Mut zu. Doch  erst  als der kleine Nager wieder Hunger verspürte, wurde ihm klar, dass ihm seine Wintervorräte abhandengekommen waren. Der unfreiwillige Umzug hatte gefährliche Folgen. Schließlich trug das flinke Tier den ganzen Herbst über sein Futter zusammen. Fridolin rieb sich die Wintermüdigkeit aus den Augen. Er musste neue Nahrung heranschaffen  –  rasch! So lockerte er das Aststück vor seiner Höhle und lugte vorsichtig hinaus. Hui, was war das für ein Lichtermeer, es schien ihm weiter, als das der himmlischen Milchstraße, und wie bunt sein Baum aussah. Beinahe verzückt lauschte er der Marktmusik und dem herzhaften Kinderlachen. Fridolin wunderte sich über all das muntere Treiben. Das letzte Lachen hatte  er in der Pilzzeit gehört, als Ferienkinder den Wald durchstreiften. Und wie er hinter dem Stern in der Tannenspitze in seine neue Welt linste, gefiel ihm, was er sah.

Als die Nacht kam und kein Mensch mehr unterwegs war, kletterte Fridolin durch die Tanne. Oh, hier fand er viele Leckereien, doch er brauchte etwas Handfestes, um der Kälte gut trotzen zu können. So griff er sich eine der Solar-Laternen und balancierte tänzelnd erst über die Hüttendächer der Händler, über die Stromleitungen, Verkehrsschilder und Litfaßsäulen, bis er sein neues Revier erkundet hatte. Er schien in ein kleines Paradies geraten zu sein. Überall duftete es lecker und nahrhaft. Bald schon hatte er einen Futterberg zusammengetragen. Nur wo sollte er seine neuen Vorräte verstecken? Der Boden war hier überall mit Steinen belegt, nur in den großen Blumenkübeln konnte er etwas einlagern. Als der Morgen graute und erste Autos Ware auf de m  Markt anlieferten, huschte Fridolin wieder in seine Höhle zurück…

Der Spuk in der Tanne – der 2. Akt

Beim Vergolden. Zeichnung: Petra Elsner

Leon hockte an Rudi Sonnes blank gescheuertem Küchentisch und tupfte mit ihm vorsichtig Blattgold auf die frischen Walnüsse. Der Maler konnte die Traurigkeit des Jungen einfach nicht mit ansehen und  hatte das Kind noch am gleichen Abend zu sich   eingeladen. Dort saßen sie nun. Das Küchenfenster gab den Blick zum Markt frei, wo die Weihnachtstanne ihr glanzvolles Licht über den inzwischen leisen Ort warf. Rudi zeigte dem Jungen  noch einmal, wie man mit dem Pinsel eine hauchdünne Blattgoldlage zu fassen bekam. Nämlich,  indem er zuvor leicht mit dem Pinselhaar über seine Wange strich und es so mit Hautfett haftfähig machte. „Es sind die kleinen Tricks, die ein gutes Handwerk zu  Stande bringen“, kommentierte der Mann sein Tun. Dann goss er Tee in zwei Becher und schob den Teller mit Schmalzstullen wortlos in die Mitte des Tisches. Er wusste, Leons Mutter hat Nachtschicht, ein gemeinsames Abendbrot konnte dem Kind nur willkommen sein. Der Junge balancierte noch ein Goldblatt auf seine Nuss. „Jetzt nur nicht niesen“, warnte Rudi mit einem Augenzwinkern. Leon musste sich schwer ein prustendes Lachen verkneifen. Dann aßen sie erst einmal in aller Ruhe. Sechs Nüsse hatten sie inzwischen bezogen,  und  sie wussten, sie würden Morgen auch noch Zeit damit zubringen.

Leon schärfte seinen Blick auf die Tanne. „Schau’ mal,  Rudi, irgendetwas bewegt sich in dem Baum. Sieh’ nur, jetzt hüpft ein kleines Licht über die Marktstände. Und nun tänzelte  es dort oben auf der Stromleitung entlang. Was ist das nur?“ Der  Mann stutzte ebenso und wusste keine Antwort. Die  Zwei schauten dem seltsamen Wanderlicht nach, bis es entschwand. Ratlos zuckten die Beobachter mit ihren Schultern und wandten sich wieder dem Vergolden zu.

Am nächsten Morgen hing ein Geschrei und Gezeter über dem Marktplatz. „Bei mir hat einer den Sack mit Sonnenblumenkernen aufgerissen“, brüllte verärgert der Mann vom  Bio-Stand. „ Bei mir fehlen zwei Duftkissen“, rief die Blumenfrau. „In meiner Hütte hat auch jemand stibitzt“, raunte der Mandelbäcker. Und die üppige Frau vom Gemüsestand entdeckte: „Von meiner Auslage hat jemand Aprikosen und Trockenpflaumen geklaut!“ An anderer Stelle waren Esskastanien und ein Lebkuchenherz angeknabbert. Es war nicht wirklich viel, was jedem fehlte, aber die Händler fühlten sich nicht wohl bei dem Gedanken, dass nächtens jemand frech durch ihre Hütten spazierte und sich heimlich bediente.

Bürgermeister Conrad Lob hatte die ärgerlichen Rufe durch das offene Fenster seiner Amtsstube vernommen. Jetzt trat er in die aufgebrachte Runde und versicherte, nein, Ratten gäbe es in seiner sauberen Stadt wirklich nicht. Doch was oder wer könnte dann der nächtliche Besucher sein? Auf jeden Fall forderte Herr Lob sicherheitshalber einen Wachschutz an, damit der schöne Adventsmarkt seiner Stadt nicht in Verruf geriet.

Als abends Rudi Sonne und der kleine Leon mit ihren Goldnüssen vor die Tanne traten, war der Ärger unter den Marktleuten längst verraucht. Keiner sprach mehr von den nächtlichen Vorkommnissen. Gern wäre Leon jetzt auf die Feuerwehrleiter gestiegen, um rund um die große Weihnachtstanne seine schönen Schmuckstücke zu platzieren. Doch die rückte wegen solcher Kleinigkeiten nicht extra an. Auch nicht für Mitglieder der Kinderfeuerwehr. So hängten die Zwei ungesehen ihre Goldnüsse nur ins  Erdgeschoss des Baumes. In der Tüte der Gemüsefrau war nur noch eine einzige unverzierte Walnuss verblieben. Der Maler zog seine buschigen Augenbrauen hoch und drückte  die Nuss dem Jungen mit den Worten in die Hand: „Es ist eine Zaubernuss! Öffne sie nur, wenn dir gar nichts  Anderes mehr einfällt.“ Dann zog der Mann seinen schwarzen Schlapphut und ging. Leon schaute hinauf in den prachtvollen Weihnachtsbaum. Aber seltsam, irgendetwas schien ihn von dort oben aus zu fixieren…

Der Spuk in der Tanne (1)

Die letzten Tage vor Weihnachten will ich Euch mit einer Weihnachtsgeschichte in sechs Akten beleben. Sie steckt in meinem Weihnachtsbuch „Von der Stille des Winters“…

Auf dem Marktplatz…

Das erste fahle Licht dieses Morgens stieg gerade über die verschneiten Dachfirste, als ein schwer tuckerndes Motorengeräusch die Stille zerriss. Ein Rabe kreischte auf der Laterne unheilvoll auf,  und der letzte Langschläfer huschte an die Gardine, um zu sehen, was dort draußen so einen Krach verursachte. Otto, dem Truckerfahrer standen Schweißperlen auf der Stirn, während er sich mit seinem Tieflader durch diese enge Gasse quetschte. Kaum drei Meter standen sich die geduckten Feldstein- und Fachwerkhäuschen gegenüber. Zentimeterweise manövrierte der Mann am Lenkrad die gewaltige Fuhre. In jeder Kurve war Präzision gefragt. Er wagte sich kaum zu atmen, als würde er so ein, zwei Zentimeter dünner werden. Nicht, dass er auf den letzten Metern noch die Tannenspitze lädierte. Doch schließlich öffnete sich die Pflasterenge zum Marktplatz, wo schon eine Menge Menschen wartete.

Ortsbrandmeister Lemke schnupperte gerade am Holunderpunsch, als der kleine Leon über ein Kabel stolperte und ihm dabei die hundert vergoldeten Walnüsse aus der Schale sprangen, welche er eben noch stolz vor sich trug. Wie Murmeln rollten sie auf den Steinen auseinander. Leon galt als der größte Tollpatsch der Kinderfeuerwehr, und nun lachten ihn schon wieder alle aus. Er verschluckte entsetzt seinen Aufschrei, während  der große Truck die handvergoldeten Nüsse  platt rollte. Leon stiegen Tränen in die  Augen. Tagelang hatte die Kindergruppe diese Nüsse mit kostbarem Blattgold belegt. Rudi Sonne, der Kunstmaler, zeigte ihnen, wie man den güldenen Hauch mit einem Pinsel auf Nüsse oder Äpfel  aufbrachte. Dazu erzählte der Wirt vom „Weißen Hirsch“, dass dieses Blattgold sogar essbar auf Schokolade oder einem Pfefferkuchen sei.

Die Ankunft der Tanne auf dem Markt vor dem Rathaus war immer ein großes Ereignis im Städtchen. Festlich geschmückt, beleuchtete der Baum die dunkle Jahreszeit und den Monat der Vorfreude auf die schönsten Feiertage des Jahres. Und was das Beste an diesem Ankunftstage war, dass jeder mitschmücken und etwas dazu beisteuern konnte. Doch Leon hatte wieder einmal alles vermasselt. Es interessierte den Jungen  nicht mehr, dass jetzt gerade ein Kran die mächtige Tanne vom Tieflader hievte und die Feuerwehrmänner den Baum zum Stehen brachten. Der Achtjährige  wollte sich einfach nur noch durch die Reihen der Wochenmarkthändler davonschleichen.  Da legte sich plötzlich eine schwere Hand auf seine Schulter. Als er sich umdrehte, lächelte ihn die rotbäckige Gemüsefrau an und drückte ihm eine große Tüte voll Walnüsse in die Hand: „Hier, mein Jung’, nun musst du sie nur noch schön goldig machen.“ Dankbar stand das Kind noch bei der Marktfrau, da wogte ein „Oh“ und ein „Ah“ durch die Menge auf dem Platze. Der erste Stern auf der Tannenspitze erstrahlte,  und Lemke platzierte von der großen Feuerwehrleiter aus auf dem Baum, was man ihm zureichte.

Immer mehr Menschen kamen zum Schmücken herbei. Die einen brachten selbstgebackene Weihnachtsplätzchen mit, die anderen Glaskugeln und Lichterketten, klitzekleine Päckchen mit roten und blauen Schleifen, kandierte Früchte, Schokoladenherzen, kleine, solarbetriebene Laternen  und echte Tannenzapfen. Auf dem Markt duftete es plötzlich nach Zuckerwatte, Zimt, Nelken und gerösteten Mandeln. Es schneite wieder, und das frische Weiß dämpfte alle Töne. Frau Ortsbrandmeister  Lemke schenkte gegen die fröstelnde Kälte dampfenden Holunderpunsch aus, und Adventsstimmung schlüpfte in alle Herzen….

Teil 2 hier
Teil3 hier:
Teil 4 hier:
Teil 5 hier:
Teil 6 hier:

Das Mädchen Mo

Mo liebte es zu Kochen und Schlagzeug zu spielen. Sie sammelte Puppen und ihre Leidenschaft galt eher den Frauen. Wohl deshalb hatte sie Thüringen verlassen und sich im Dschungel Berlins versteckt. Aber Weihnachten musste sie unbedingt in den Schoß der Familie schlüpfen – das war heilig. 1995 klappte das nicht. Sie bekam keinen Urlaub und musste im „Briefe an Felice“ kochen. Dort hatte ich in besagtem Jahr eine Ausstellung mit meinen Arbeiten: Beize auf Packpapier hängen. Und eine dieser Nachtgestalten hatte es Mo so angetan, dass sie mich immer wieder nötigte, sie brauche dieses Bild, habe aber kein Geld.  Ich lächelte dazu nur milde, ich hatte auch keins.
Tage vor Weihnachten hockte Mo in unserer gemeinsamen Stammkneipe um die Ecke, die damals noch Fiasko hieß und heulte. Sie hatte Heimweh nach ihrem Puderzuckerstädtchen. Umso näher das Fest rückte, desto unleidlicher wurde die junge Frau. Heilig Abend in der Nacht.  Mo hatte längst Kochschluss und lümmelte träge am Fiasko-Tresen.  Ich hatte nachmittags den „Schlagzeuger auf dem Mond“ eingepackt und als wir gegen 23 Uhr den Szeneladen betraten, rutschte Mo vom Hocker, griff sich das Packet und verließ mit einem „Oh, da kommt ja mein Weihnachtsgeschenk!“ – ohne ein weiteres Wort das Quartier.

Die Geheimnisse beginnen wieder zu knistern …

Das Farbenspiel des Herbstes tönt das Quartier. Foto: pe
Das Farbenspiel des Herbstes tönt das Quartier. Foto: pe

Heute war ein Draußentag. Endlich mal wieder Licht. Ein bisschen Indian Summer huscht durchs Quartier. Hab Stauden runter geschnitten und Laub von der Straße geholt. Nach den vielen, nass-kalten Dämmertagen und dem permanenten Hocken am Computer war das Rumschuften richtig gut. Mittwoch ist die Weihnachtsgeschichte für 2016 entstanden. Noch eine Vignette oder zwei zeichnen, dann ist das geschafft.

Ein Schirmpilz wächst noch bei der Bienentränke.
Ein Schirmpilz wächst noch bei der Bienentränke.

Bis zum 1. Advent sind es ja nur noch sechs Wochen … Beim Schreiben musste ich andauernd grinsen, weil so viele Inputs aus diesem Jahr im Text stecken, dass hätte ich nicht gedacht, denn 2016 war bisher ein schweres Jahr. Es hat mich schlichtweg überrascht, dass ich ihm etwas Gutes abringen konnte. Mehr aber wird vom Geschichtenschreiben heute nicht verraten, die kleinen Geheimnisse beginnen hiermit langsam zu knistern…

Die Steintafel

Dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, war am Heiligen Abend auch nie viel los. Langohr Mohri wünschte sich, einmal sollte das ganz anders sein. Lebhaft und glanzvoll. Und so pinselte er seinen Wunsch auf einen alten Teufelsstein am Weg durch die Heide: „Wanderer, du bist eingeladen, hier den Heiligen Abend mit uns zu feiern.“

Das Jahr verging. Mohri und sein Freund, der Fuchs Listus, hatten sich fein herausgeputzt und den Stein in eine Tafel verwandelt. Darauf thronten Nüsse, Rübchen, Pilze, Kohl und schönste Waldbeeren – schließlich nahte der Heilige Abend, auch wenn Nieselregen fiel. Die Nacht war weit vorangeschritten, noch immer spähten die Zwei in die dunkle Ferne und warteten, wer sich wohl zu ihrem Festschmaus einfinden würde. Mohri wurde langsam ungeduldig und begann zu mosern: „Es ist Weihnachten, und wir haben wieder keinen Schnee, der unserer Heide ein lichtes Weiß spendiert. Wer verliert sich schon in diese nasse Einöde? Nur die tollen Rüben leuchten so schön rot, wollen wir nicht mit dem Nachtmahle beginnen?“ Listus winkte ab: „Hab noch etwas Geduld“, dann starrte er abermals in das weite Nichts.

Nebelschwaden waberten. Bald war die flache Landschaft vollständig im Dickicht versunken, aus dem es auf einmal leise kicherte, dann grunzte und schließlich knurrte. Mohri und Listus lauschten mit aufgestellten Ohren. Wer mag das sein? Mal wisperte es von rechts her, dann gluckste es von links. Fuchs und Hase wurde es unheimlich zumute. Plötzlich entsprangen dem milchigen Dunst zwei kleine Trolle. „Na, na, wer wird denn da maulen? Ohne dieses tolle Reisewetter hätten wir nicht kommen können“, meinte eines der fidelen Wesen. Sie grüßten, traten an die Tafel heran, holten ihre Wasserpfeifen hervor und genossen schmunzelnd die erstaunten Blicke ihrer Gastgeber. „Was schaut ihr so irritiert, wir sind die Gebrüder Sanft und Mut, geboren in einer Weihnacht unter diesem Stein, und keine Trolle der bösartigen Sorte. Ihr könnt euch also entspannen.“ „Hohoh“, raunte Listus, „das kann ja jeder behaupten. Gewöhnlich bringen Trolle nur Ärger und Schabernack mit sich. Wir aber wünschten uns eine gesellige, friedliche Heilige Nacht.“ Der Fuchs blieb misstrauisch, er mochte keine Geisterwesen. Der Hase starrte indessen ein schwarzes Loch in den Boden: „Unter diesem Teufelsstein?“ Mut grunzte vor Lachen: „Was heißt hier Teufel-, es ist ein Trollstein. Vorzeiten  hat just an dieser Stelle ein gemütlicher Riesentroll den Sonnenaufgang verpasst und wurde vom ersten Tageslicht in diesen Stein verwandelt.“ Instinktiv wich das Langohr furchtsam von dem Steine zurück und musterte ihn mit gebührlichem Abstand. Nein, ein Trollgebilde ließ sich darin nicht wirklich erkennen: „Ach, ihr tischt uns bloß ein Schauermärchen auf.“

Sanft schaute sanftmütig und flüsterte: „Glaubt es nur. Seit Jahren versuchen wir ihn zu erwecken, wissen aber nicht, wie das gelingen kann. Wir haben ihn schon untergraben, dann gerollt, gekitzelt, selbst freche Witze haben wir ihm erzählt – ohne Wirkung.“

Listus umkreiste den alten Feldstein, schnupperte hier, klopfte dort und kratze sich schließlich nachdenklich am Haupte: „Was soll‘s, es wird wohl niemand mehr kommen, lasst uns endlich speisen. Wir werden euren Gevatter kaum erwecken. Der Stein liegt hier seit Fuchsgedenken ungerührt. Außerdem würde unser Vorrat wohl kaum für einen Riesen ausreichen.“ Sprach’s und lächelte versöhnlich.

Sodann schmausten sie genüsslich. Mohri und Listus hörten weitschweifende Geschichten,  von garstigen und guten Trollen, von Unholden und ihren Feen. Und es war gerade so, wie es sich Mohri gewünscht hatte: Lebhaft und feierlich. Der Himmel hatte sich gerade gelichtet, und der Stern der Weihnacht beleuchtete die kleine Gesellschaft, als Sanft inne- hielt: „Wartet, wir sind nicht nur zum Plaudern gekommen. Jetzt beginnen die geheimnisumwitterten Stunden, in denen sogar kalte Herzen schmelzen und vielleicht, ja vielleicht auch Steine erweichen.“

„Was habt ihr denn vor?“, fragte der Hase aufgeregt und schon wieder etwas bammelig. „Keine Ahnung“, gab Sanft zu, „einfach nur warten, und bei ihm sein.“ „Und das allein soll diesen Stein schmelzen?“ – der Hase schaute ungläubig, aber auch erleichtert. „In einer Heiligen Nacht – vielleicht“, murmelte Sanft kaum vernehmbar.

„Wozu wollt ihr eigentlich den Riesen erlösen?“, bohrte Listus neugierig. Mut räusperte sich: „Es ist ein ganz besonderer seiner Art. Einer, der wilde Flüsse und Stürme zähmt, die Ernte beschützt, Streit schlichtet und Sanftmut verbreitet. Er ist unser Großvater, und sein guter Zauber fehlt nicht nur uns Trollen.“ „Das könnte sein“, fand auch der Fuchs.

So saßen sie also die ganze Nacht lang hoffnungsvoll, aber nichts regte sich. In der Dämmerung mussten die Trolle aufbrechen. Schließlich wollten sie nicht als kleine Feldsteine enden. Ein Blatt lag noch verloren auf der Steintafel. Schläfrig meinte Mohri: „Es wird Zeit zu gehen, habt dank für eure Gesellschaft, und kommt nun gut nach Haus.“  Zum Abschied spöttelte er noch: „Das leckere Blatt lassen wir ‘mal vorsorglich für euren Riesen zurück“, dann machten sie sich auf ihre Wege. Ein Hauch von Schnee kam mit dem ersten Weihnachtsmorgen über die Heide, und in dem alten Stein rührte sich ungesehen Leben.